Fußball-Matrix

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die-vorstopper.de, 25.10.2009

Frisch ausgelesen

Manchmal würde man dieses Spiel ja gern etwas besser verstehen. Warum zum Beispiel stand diese seltsame Hertha in der letzten Saison in der Tabelle so viel besser da, als es ihrem Können entsprochen hätte - und in dieser Spielzeit so viel schlechter? Warum gelang dem hochgelobten VfB mit Trainerneuling Babbel in der letzten Rückrunde so eine fulminante Aufholjagd  - und warum funktioniert in dieser Spielzeit bislang so gut wie gar nichts, trotz eigentlich guter Einkäufe?
Fußball ist schon ein seltsamer Sport. Geld mag helfen, um gute Bedingungen zu schaffen und bessere Spieler einzukaufen. Aber gewinnen tut es per se nicht.

Aber was macht dann den Unterschied aus zwischen einer guten und einer weniger guten Mannschaft?

Christoph Biermann hat sich für sein Buch über "Die Fußball-Matrix" auf die Suche nach Antworten gemacht. Und was entstanden ist, ist absolut lesenswert - so sehr, dass man mit dem Buch in der Hand gern schon mal eine Station zu lang in der U-Bahn sitzenbleibt, weil man sich zum Beispiel in die "hohe Kunst des Fehleinkaufs" vertieft hat.

Es sind die vielen kleinen Aha-Erlebnisse, die Biermann bei seiner Recherchereise durch die internationale Fußballwissenschaft gesammelt hat, die dieses Buch so lesenswert machen.
Ein durchschnittlicher Bundesliga-Stürmer zum Beispiel, schreibt Biermann, ist pro Spiel 45 bis 50 Sekunden am Ball - wenn es da ein Lionel Messi auf 2 Minuten 12 Sekunden bringt, ist das nicht wie auf den ersten Blick vermutet kläglich, sondern ein hervorragender Wert. 
Oder die Sache mit der Drei-Punkte-Regel: Mit der wollte die Fifa ja eigentlich den Offensivfußball belohnen - eingetreten aber ist genau das Gegenteil. "Wenn man für bestimmte Erfolge stärker belohnt wird", so berichtet Biermann unter Berufung auf Spieltheoretiker, "heißt es nicht zwangsläufig, die eigenen Anstrengungen zu erhöhen. Oft werden nur die Bemühungen anderer sabotiert, und genau das passierte nach der Einführung der Drei-Punkte-Regel." Soll heißen: weil der Sieg deutlich wertvoller geworden ist, wird dank der Drei-Punkte-Regelung nicht offener gekämpft, sondern mit zäher und defensiverer Haltung.
Oder auch die Biermann'sche Beschreibung der Platzverknappung im modernen Fußball:  Zwischen den beiden letzten Feldspielern liegen selten mehr als 40 Meter. So bearbeiten die 20 Feldspieler nicht gut 7.000, sondern nur einen Bruchteil, vielleicht 1.200 bis 1.500 Quadratmeter des Platzes.

Die "Fußball-Matrix" hat Biermann allerdings auch nicht gefunden - genauso wenig wie die Antwort auf die Frage, was nun den Unterschied ausmacht. Oder, um es mit Biermanns Worten zu sagen: "Fußball bleibt auch unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System mit der Neigung zu Instabilität und Chaos."
Wie dem auch sei: Wenn's nach mir ginge, würde dieses Buch zur Pflichtlektüre - zumindest für die, die Samstag für Samstag mit mir in irgendwelchen Kneipen sitzen und sich oft ja für die besten Fußballexperten überhaupt halten (allerdings dann doch keine Ahnung haben).

PS: Was mir aber am besten gefallen hat, ist das Zitat, das Biermann seinem Buch quasi als Motto voranstellt:


"Sinnloser als Fußball ist nur noch eins: Nachdenken über Fußball." (Martin Walser)

Veröffentlicht von Florian Neuhann um 11:10:40 am 25.10.2009 in Rubrik "Das Fundstück"