Fußball-Matrix

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Neues Deutschland, 17.11.2009

Die Vermessung des Balls
Das Hebbel am Ufer untersuchte die »Fußball-Matrix«
Von Tom Mustroph
Ist Fußball berechenbar? In einem Theater, das sich der Erforschung dessen, was Theater ausmacht, verschrieben hat, versammelten sich am Sonntag Fußballexperten, um über die Bedingungen des optimalen Kicks nachzudenken.

Der Sportjournalist Christoph Biermann hatte den Ex-Trainer von Hertha BSC, Lucien Favre, den Filmkritiker und Fußballblogger Peter Körte sowie die Kriegsberichterstatterin und bekennende Fußball-Abhängige Carolin Emcke ins HAU 1 eingeladen, um seine gerade im Buch »Die Fußball-Matrix« erschienenen Thesen über die Verwissenschaftlichung des Spiels zu diskutieren.

Biermann beschreibt dort, wie sehr Videoanalyse und Statistik Einzug in den Trainingsalltag gehalten haben. Obwohl Biermann fasziniert ist von diesem Trend, scheint bei ihm stets die Skepsis an der durch die Daten suggerierten Erklärbarkeit des Spiels durch.

Überraschenderweise schlug sich ausgerechnet Favre auf die Seite der Datenskeptiker. Zwei, drei Mal habe er in seiner Zeit bei Hertha BSC den 34seitigen Datenreport zum Spiel, der in mit Sensorkameras ausgestatteten Spielstätten wie der Hamburger Arena angefertigt werden kann, benutzt. »Aber welcher Spieler gut war und welcher schlecht, wer viele Zweikämpfe gewonnen und ein gutes Stellungsspiel abgeliefert hat, weiß man bereits durch die unmittelbare Beobachtung einer Begegnung«, ist der Trainer von seinen ureigenen Wahrnehmungsfähigkeiten überzeugt.

Etwas aufgeschlossener gegenüber der Technik zeigte er sich, als Biermann eine 3-D-Simulation des WM-Endspiels 2006 auf die Leinwand projizierte. »Man sieht dort, auf welch engem Raum das Spiel abläuft«, konstatierte er. Wegen dieser für den heutigen Fußball charakteristischen Situation sieht Favre das größte Potenzial in der Fähigkeit des Einzelnen, solche Kräfteballungen wieder auflösen zu können. »Dazu müssen die Spieler Situationen besser voraussehen können«, so der Coach. Im physischen Bereich, der vor allem von den statistischen Daten beschrieben wird, sieht er die geringsten Steigerungsmöglichkeiten.

Vollkommen begeistert – und auch ein wenig erschreckt – von der digitalen Vermessung des Fußballs zeigte sich Carolin Emcke. Sie bedauerte, dass diese Art von Analytik so gut wie nie in der Sportberichterstattung auftauche, befürchtete aber anderseits, dass die Verkürzung des Spiels auf einzelne Datenschnipsel zur Entfremdung führen könnte.

Der Rasenpraktiker Favre und der Beobachtungsprofi Biermann konnten sie beruhigen: Die Spieler werden nur mit einem Bruchteil der Daten konfrontiert. Der Kampf von 22 Akteuren um einen Ball erweist sich noch immer als komplex genug, um nicht exakt vorausberechnet werden zu können. Das stimmt optimistisch. Andere Zahlenreihen – wie die der Etats und Spielergehälter – üben dagegen weit größeren Einfluss aus, als ein möglicher Wissensvorsprung durch Statistiken.