Fußball-Matrix

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Süddeutsche Zeitung, 13.10.2009

Der Plot jenseits der Tabellenplätze

Auf der Suche nach perfektem Spiel: Christoph Biermann will das letzte metaphysische Biotop trockenlegen: den Fußball Von Jens-Christian Rabe

 

Suchte man nach dem letzten unhinterfragten metaphysischen Biotop der Gegenwart, nach der großen Bühne, auf der täglich noch unwidersprochen dunkel geraunt und hemmungslos das überzeitlich Gültige, das ewig Wahre beschworen werden darf - nein, nein, man landete nicht im Vatikan. Den weht schließlich längst von allen Seiten der raue Wind des Zweifels an. Man landete natürlich auf dem Fußballplatz.

Wer die meisten Zweikämpfe gewinne, gewinne das Spiel, hörte man dann da, und wer am häufigsten in Ballbesitz sei, habe den größten Erfolg. Wer seine Torchancen am konsequentesten nutze, stehe am Ende ganz oben und außerdem gebe es selbstverständlich einen psychologisch günstigen Zeitpunkt, um ein Tor zu erzielen. Mannschaften seien besonders in Gefahr, ein Gegentor zu kassieren, wenn sie selbst eben erst ein Tor erzielt hätten und Stürmer hätten nun einmal so etwas wie Glückssträhnen - oder eben nicht.

Wäre etwas richtiger, je häufiger es gesagt würde - Fußballreporter, Funktionäre, Trainer und Spieler, insbesondere die, die im deutschen Fernsehen auftreten, wären längst Propheten.

Der Kölner Autor Christoph Biermann, der spätestens seit seinem 1999 erschienenen (und gemeinsam mit Ulrich Fuchs verfassten) Buch "Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann - Wie moderner Fußball funktioniert" zu den angesehensten Sportjournalisten des Landes zählt, hat sich nun eindrucksvoll daran gemacht, dem Unfug Einhalt zu gebieten. Man muss sein neues Buch "Die Fußball-<> - Auf der Suche nach dem perfekten Spiel" als Versuch lesen, das metaphysische Biotop Fußball trockenzulegen. Mit aller Liebe zum Gegenstand zwar, aber gründlich. Als eigenhändig tüftelnden Forscher darf man sich Biermann dabei allerdings nicht vorstellen. Vielmehr als umsichtigen und gewandten Erzähler und so unermüdlichen wie klugen und kritischen Sammler von Informanten und Informationen.

Bei der Widerlegung etwa der schon genannten Mythen des Spiels, beruft er sich auf Roland Loy. Der Münchner Sportwissenschaftler wertete 3000 Fußballbegegnungen aus, um den Weisheiten einmal systematisch auf den Grund zu gehen und kam zu verblüffenden Erkenntnissen. 60 Prozent aller Spiele gewinnen demnach nicht die Teams mit der besseren, sondern die mit der schlechteren Zweikampfbilanz. Auch ein längerer Ballbesitz muss nicht zwangsläufig spielentscheidend sein. Nur ein Drittel der Mannschaften, die während eines Spiels häufiger am Ball sind, gehen am Ende auch als Sieger vom Platz. Ebenso wenig gibt es wohl so etwas wie einen psychologisch günstigen Zeitpunkt für ein Tor. Britische Psychologen, so Biermann, die gut 350 Spiele der englischen Premier League ausgewertet haben, konnten beweisen, dass es für die Siegwahrscheinlichkeit keine Rolle spielt, ob man nun kurz vor der Pause trifft (dem vielbesungenen richtigen, weil den Gegner vermeintlich schwer demoralisierenden Moment) oder gleich zu Beginn der ersten Halbzeit. Genauso wenig ist ein Team nach einem Torerfolg - im Taumel des Glücks - anfälliger für ein direktes Gegentor. Ganz zu schweigen davon, dass ein Spieler, der in einem Spiel ein Tor erzielte, dies nicht mit höherer Wahrscheinlichkeit auch im folgenden tun wird.

Noch lieber liest man all dies zudem, weil man ganz nebenbei auch noch erfährt, dass Loy nicht nur schon bei der Weltmeisterschaft 1990 sportlicher Berater des damaligen Teamchefs und oberweisen Platitüdenkönigs Franz Beckenbauer war, sondern heute auch Berater der ZDF-Sportredaktionen bei Länderspielen und großen Turnieren ist. Wenn man <> glauben darf, dann leidet der streitbare Aufklärer bei diesen Anlässen, bei denen er die Moderatoren und Experten vor der Kamera mit Detailinformationen beliefert, nicht selten wie ein geprügelter Hund.

Wo die Messlatte für ein Buch wie die "Fussball-Matrix" liegt, wird natürlich trotz aller theoretischer Zurückhaltung nicht verschwiegen. Zum Glück. Denn es zeigt vor allem die Möglichkeiten, die in der kontrollierten Erforschung des Spiels stecken könnten. Die Messlatte ist das 2003 erschienene Buch "Moneyball" des amerikanischen Journalisten Michael Lewis. Es gilt als einflussreichstes Sportbuch, das bislang geschrieben wurde, weil es nachhaltig eine ganze Sportart veränderte: den Baseball.

Lewis hatte monatelang Billy Beane begleitet, den General Manager der Oakland Athletics, eines populären, aber erfolglosen amerikanischen Profi-Baseballteams. Beane wiederum hatte sich als erster dazu entschlossen Erkenntnisse des extrem fleißigen und kreativen, aber von den Verantwortlichen der Teams konsequent missachteten Baseball-Statistikers Bill James ernstzunehmen. Lewis beschrieb schließlich in seinem Buch nicht nur, "auf welche neue Weise Beane die Auswahl seiner Spieler betrieb. Er konnte auch davon berichten, dass sie in den Spielen selbst anders eingesetzt wurden als zuvor. So dämmerte es allen Managern, Trainern und Scouts, dass es wohl an der Zeit war, althergebrachte Wahrheiten über Bord zu werfen, die offensichtlich keine mehr waren. Der nach Football populärste Sport in den USA trat in eine neue Ära ein, in der neben sentimentalen Momenten im sommerlichen Ballpark auch Computerprogramme eine Bedeutung hatten". Und alles nur, weil ein Neugieriger wissen wollte, was nun wirklich ausschlaggebend für den Erfolg im Baseball ist und deshalb darauf kam, dass Schlagmänner, die den Ball nicht aufsehenerregend aus dem Stadion donnerten, dramatisch unterschätzt würden.

Eine ähnlich spektakuläre Entwicklung ist in Deutschland vorerst wohl leider nicht zu erwarten. Gegenüber amerikanischen Baseball-Statistiken verhalten sich insbesondere deutsche Fußball-Statistiken schließlich noch immer wie, sagen wir, ein Müllberg zum K2. Aus Mannschaftsaufstellungen, Auswechslungen, Verwarnungen, Platzverweisen, Torschützen und Zuschauerzahlen lässt sich keine grundstürzende Theorie des Fussballs destillieren.

Aber es ist eine der wunderbaren Überraschungen des Buches, dass Biermann vielversprechende Ansätze einer solchen Theorie dort findet, wo man sie vielleicht nicht unbedingt vermuten würde: im Wettbüro. So reiste er nicht nur zu den bekannten Laboratorien der berühmten Clubs und sprach mit den festangestellten Trainern, Medizinern, Analytikern und Computersoftware-Entwicklern, sondern besuchte auch einen Mann, in dessen Londoner Firmenzentrale, der sich Jim Towers nennt. Der ehemalige Börsenspekulant und nun außergewöhnlich erfolgreiche Fussballwetter hält das, was die Fussball-Öffentlichkeit für wichtig hält für völlig unwichtig. Um die Form einer Mannschaft zu bewerten, so Biermann, benutze Towers vor allem einen Dienst, der ihm kontiniuerlich Live-Informationen darüber liefert, ob es bei einem Spiel kleinere, mittlere, größere oder riesengroße Torchancen gegeben hat. Für Außenstehende mag das sehr selbstverständlich klingen. Tatsächlich interessiert sich die Mehrheit der Meute nach wie vor nur für Siegesserien, Tabellenplätze und dafür, ob ein Team gerade ausgeruht oder belastet ist. Towers ist im Grunde sogar das Ergebnis eines Spiels egal. Zu wenig aussagekräftig.

Es dürfte sehr spannend sein, zu beobachten, was aus der "Fußball-Matrix" wird. Ein Buch, dass radikaler und zugleich zugänglicher, eleganter für eine vollkommen neue Sichtweise des populärsten Sports der Welt plädiert, hat es noch nicht gegeben. Am wahrscheinlichsten dürfte sein, dass es einen gewissen Einfluss auf das Schreiben und Nachdenken über den Sport in den anspruchsvolleren Zeitungen und Zeitschriften hat. Not täte es. Denn selbst dort, wo anderes möglich wäre, liest man in der Regel banale Mutmaßungen und arge Kurzschlüsse. Die Geschichte eines Spiels wird meist zwar mit vielen Protagonisten erzählt, aber ohne ein tieferes Verständnis des Plots, der Zusammenhänge.

Wem bei alldem das unvorhersehbare Moment des Fußballs zu kurz kommt, dem dürfte der Schluss gefallen. Natürlich, so Biermann, bliebe das Spiel "ein System mit Neigung zur Instabilität". Aber natürlich ist es kein Zufall, das genau hier, im allerletzten kurzen Absatz, von Wahrheit keine Rede mehr ist.

Also: Man tut das ja eigentlich nicht, Bücher verschreiben. Aber diesmal muss es sein, ausnahmsweise: Wer sich wirklich für Fußball interessiert, der möge dieses großartige Buch lesen. Und alle anderen ebenso. Man entkommt dem Sport ja nicht in diesem Land. Wer allerdings auch noch im Fernsehen über Fußball sprechen muss, der lese es zweimal, nein, besser: dreimal. Und dann nochmal von vorne. Bitte!