Wissen statt Meinungen
»Die Fußball-Matrix«: Christoph Biermann über die Digitalisierung des Fußballs
Von Marek Lantz
Könnte er am Ende doch nicht rund sein, sondern genau klitzekleine 4096 Ecken haben? Das Runde des Fußballs – symbolisch verkörpert es seit jeher die Unvorhersehbarkeit und Unberechenbarkeit des Spiels. Wenn man allerdings im letzten Jahrzehnt bisweilen Trainern wie Ralf Rangnick zuhört, kommt man nicht umhin, ihnen leicht psychologisierend zu bescheinigen, daß sie offenbar am liebsten genau das Moment des Zufalls und des Unwägbaren aus dem Spiel ausmerzen möchte. Natürlich ist dies ein Wunschtraum, den letztlich jeder Fußballtrainer hat, wenn er Abwehrketten, Laufwege und Paßfolgen einstudieren läßt. Und noch viel natürlicher ist und bleibt es in erster Linie eine Fiktion.
Bislang, könnte man mit leicht kulturpessimistischem Unterton anfügen. Christoph Biermann, prominentester Fußballjournalist hierzulande, der in der Literaturgeschichte einen respektablen kleinen Auftritt in Wolfgang Welts proletarischen Prä-Popromanen vorzuweisen hat, nimmt sich in seinem neuen Buch »Die Fußball-Matrix« des Phänomens an, wie inzwischen an vielen Fronten versucht wird, den Beelzebub Zufall aus dem komplexen Spiel auszutreiben. »Die Dinge ändern sich, während so viel über Fußball gesprochen und geschrieben wird wie noch nie. Doch einfach nur Meinungen zu haben ist passé. Heute geht es um Wissen. (...) Ich beschreibe die digitale Wende des Fußballs und seine Verwandlung in ein Spiel der Zahlen«, faßt er im Vorwort zusammen.
Also sucht der Bücher schreibende Journalist die vorgeblichen Epizentren der gigantischen Modernisierungs- und Rationalisierungbewegung auf, die den Kampf um das runde Leder im neoliberalen Zeitalter erfaßt hat: Hoffenheim, London, Wolfsburg, Barcelona, Mailand. In Barcelona trifft er auf Lionel Messi, den derzeit begnadetsten Balltreter auf der Erde, der ihm erzählt, daß er sich als begeisterter Fan von Fußball-Videospielen immer selbst spielt: »Man sieht gewisse Dinge und versucht sie auf dem Spielfeld nachzuahmen«, erklärt der argentinsche Supertechniker. Der Messi auf dem Bildschirm sei letztlich besser als der reale.
Neben Abstechern in die konkrete Fußballpraxis beleuchtet Biermann zudem das vordergründig nur bunte Blüten treibende Wesen der Datensammler und Statistiker. Das boomende Gewerbe von Sportwetten spielt eine Rolle, genau wie allerlei Versuche, das Spiel mittels komplizierter Rechenmodelle zu quantifizieren.
Kulturell ist die von Biermann konstatierte Digitalisierung des Fußballs natürlich eine Entsprechung dessen, was sich in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen unter der diskursiven Hegemonie der Finanzanalysten fassen läßt: eine bestimmte, sehr datenintensive und an Wahrscheinlichkeiten orientierte Art des gedanklichen und strategischen Weltzugriffs, die sich in den letzten anderthalb Dekaden als der heißeste Scheiß auf Erden gerieren konnte. Daß es sich dabei um mehr als bloße Ideologie handelt und noch die widerwärtigsten Agenten des Bösen auch an den sensiblen Rädchen der Produktivkräfte herumjustieren, ruft Biermanns Buch gleichermaßen eindrucksvoll wie unterhaltsam in Erinnerung.


