Verzichten wir mal auf Superlative, wir sind ja schließlich nicht der DSF-Supersonntag. Und trotzdem muss man ganz ohne Übertreibung sagen: Christoph Biermann hat ein höchst erstaunliches Buch geschrieben, über die Raumordnung auf dem Platz, über den Einfluss der Wissenschaft
auf den Fußball, über vermeidbare Fehler bei Spielertransfers, kurzum: über die fußballerische Moderne.
Nun tobt ja schon seit Jahren ein merkwürdiger Richtungsstreit, nicht nur im deutschen Fußball. Auf der einen Seite die Traditionalisten mit ihren Helden Magath, Heynckes & Co, die schon den obligatorischen Laktattest für pseudowissenschaftlichen Hokuspokus halten, auf der anderen die Modernisierer, die nahezu manisch nach bislang noch nicht erforschten und abgerufenen Potentialen in Hirn und Körper der Fußballer fahnden und das Spiel für vollends wissenschaftlich beherrschbar halten. Christoph Biermann hält in diesem leicht bizarren Kulturkampf gekonnt die Äquidistanz zu den Traditionalisten wie auch zu den Apologeten der Fußball-Wissenschaft. Er verhehlt nicht die Faszination der digitalen Revolution, die längst auch den Fußball grundlegend verändert hat. Wo früher allein der Trainer seine Spieler beurteilen musste, analysieren heute Fachleute jeden Schritt der Kicker auf dem Rasen. Mit dem Abpfiff sind alle Pässe, jeder Torschuss, alle Kopfbälle notiert. Doch so sehr die moderne Leistungsdiagnostik
bereits die Arbeit der Trainerstäbe verändert hat, so wenig ist dieses Wissen bislang in der Fußball-Öffentlichkeit angekommen, wo in der Regel immer noch knapp über der Stammtischkante über Heimschiedsrichter und Buddhafiguren debattiert wird. Biermann zertrümmert nun nahezu im Seitentakt viele dieser vermeintlichen Gewissheiten. Bisweilen im Rückgriff auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse, etwa wenn er die überraschend wenig segensreiche Wirkung der Drei-Punkte-Regel beschreibt. Die sollte ja eigentlich für offensiveres Spiel sorgen, in Wirklichkeit lässt sie die führende Mannschaft weitaus engagierter verteidigen als früher. Londoner Spieltheoretiker haben das herausgefunden.
Biermanns Buch ist allerdings kein Forschungsbericht, vielmehr verknüpft die Fußball-Matrix kunstvoll die neuen Erkenntnisse mit persönlichen Einschätzungen und fein gezeichneten Porträts. Mit Lionel Messi hat er, zum Beispiel, über Computerspiele gesprochen, mit Volker Finke Videos aus den seligen Freiburger Zeiten geschaut, mit Spielanalytiker ChristopherClemens die Möglichkeiten und Grenzen der Leistungsdiagnostik ausgelotet.
Biermann erinnert an Pioniere der modernen Trainingslehre wie Sepp Herberger und rehabilitiert zähneknirschend Otto Rehhagel. Um am Ende keineswegs desillusioniert festzustellen: »Fußball bleibt auch unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System
mit der Neigung zu Instabilität und Chaos.« Christoph Biermanns lesenswertes Buch lässt uns selbst dieses Chaos besser verstehen.


