Auf der Suche nach dem perfekten Spiel
Christoph Biermann enttarnt Geheimnisse des noch immer nicht hinreichend ausgeleuchteten europäischen Spitzenfußballs
Von Jan Christian Müller
Wer vorher nicht einsehen wollte, dass es sich beim ja nur vordergründig profanen Elf gegen Elf auf dem Fußballplatz um das komplexeste Spiel handelt, das je erfunden wurde, kann es bald besser wissen. Christoph Biermann, der beste deutsche Fußball-Journalist, beweist es auf 250 Seiten in seinem am Montag erschienenen Werk "Die Fußball-Matrix - auf der Suche nach dem perfekten Spiel". Bei dem 48-Jährigen Biermann handelt es sich, man muss das so sagen, um einen Fußball-Maniac. Sein Erstlingswerk "Wenn du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen" ließ schon Mitte der 90-er Jahre nur diesen Schluss zu.
Vermutlich hat der Kölner Biermann, der für Spiegel online und den Spiegel schreibt und unglücklicherweise Fan vom VfL Bochum ist, mehr Ahnung vom Fußball als die meisten diplomierten Fußballlehrer. Ein Beispiel für seine tiefe Liebe zum Spiel: An den ersten drei Spieltagen dieser Saison besuchte er bereits sieben Begegnungen in Liga eins und zwei.
Zum Glück ist er Journalist und kein Wissenschaftler. Deshalb ist die "Fußball-Matrix"das wahrscheinlich aufregendste deutschsprachige Fußballbuch des bald zu Ende gehenden Jahrzehnts geworden. Biermann enttarnt Geheimnisse, die sich im noch längst nicht hinreichend ausgeleuchteten europäischen Spitzenfußball auf den rund 7700 Quadratmetern Spielfläche, bei den 22 Spielern oder auch auf den Trainerbänken verstecken.
Der technische und personelle Aufwand, den die am höchsten professionalisierten europäischen Spitzenklubs sowie das finanziell bestens ausgestattete Fußballlabor TSG Hoffenheim inzwischen betreiben, ist immens. Biermann kommt am Ende aber doch zu einem Fazit, das Fußball-Romantiker erheblich erleichtern dürfte. Dass nämlich "Fußball unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System mit der Neigung zu Instabilität und Chaos" bleiben wird. Deshalb hält Biermann die Entwicklung hin zum gläsernen Spieler aber beileibe nicht für sinnlos. Den Zufall mit Hilfe externen Spezialisten, technischer Hilfsmittel, umfänglicher Spielanalyse, professionellem Scouting und umfassender medizinischer und psychologischer Betreuung zu minimieren, heißt gleichzeitig, die Chance auf den sportlichen Erfolg zu maximieren. Die meisten Klasseklubs haben das inzwischen verstanden. Nach der Lektüre von Biermanns Buch dürften es noch mehr kapieren.


