Fußball-Matrix

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Pressestimmen

Der Freitag, 17.11.2009

Lob der taktischen Vernunft

In einem Berliner Theater plauderte der ehemalige Hertha-Trainer Lucien Favre aus dem Nähkästchen. Hat er seine Zuhörer schlauer gemacht?
In der Literaturwissenschaft gibt es, grob gesagt, zwei Lesarten eines Textes. Die eine, die hermeneutische Richtung, vermutet hinter dem Text ein Geheimnis, die andere, die diskursanalytische, hält sich an die Aussagen, die da stehen. Beide Lesarten kann man auch auf ein Gespräch anwenden, das der Journalist und Fußballexperte Christoph Biermann mit Lucien Favre am Sonntag geführt hat.

  Anlass war die Premiere eines hochinteressanten Buches: Die Fußball-Matrix, Untertitel: "Auf der Suche nach dem perfekten Spiel“. Biermann beschreibt und erzählt darin, wie die Vereine diese Suche mit immer aufwändigeren wissenschaftlichen Methoden betreiben – Fußball im Zeichen der Statistik und Digitalisierung. Im ersten Teil der Veranstaltung befragte er Favre, der auch in seinem Buch einen Auftritt hat, nach diesen Entwicklungen im Profifußball.

Nun kann man wie Bloger Marxelinho der Meinung sein, dass Favre, der Fuchs, in so einem Gespräch bestimmt nicht „Klartext“ spricht. Aber man kann seine Aussagen auch durchaus als Klartext nehmen. Ich habe versucht, sie in Form von 'guten Ratschlägen' an einen potentiellen Trainer (also auch an jeden Zuschauer) darzustellen.

Allgemeine Ratschläge:

- Fußballer müssen abschalten zu können, sie sollten von den Vereinen verpflichtet werden, ein Hobby zu betreiben.
Gleiches gilt für den (Vereins-)Trainer: Er muss einen "Cut" machen können. Dafür ist z.B. die Nationalmannschaftspause da (diese Einsicht hat Favre aus der Lektüre eines Buches von Alex Ferguson gewonnen).

- Für einen Fußballer sind die Jahre zwischen 12 und 18 entscheidend. In der Adoleszenz werden die wichtigsten Fähigkeiten erlernt.

- Weltklassespieler trainieren jeden Tage für sich ein Viertelstunde lang mit dem Ball. Nur in der Technik kann es im individuellen Fall und im welthistorischen Massstab noch Verbesserungen geben.

- Viel schneller werden die Spieler dagegen nie laufen können, hier ist bald eine natürliche Grenze erreicht. Schneller spielen, heißt deshalb schneller sehen. Der Fußballer muss Situationen antizipieren können.

- Das Spiel verdichtet sich heute im Mittelfeld. Dort sind die Räume extrem eng geworden. Es hat keinen Sinn, das zu leugnen.

- Abwehr: Die Raumdeckung nicht übertreiben, sonst übersieht der Spieler den Mann, der gerade an ihm vorbeizieht (hierin liegt der Grund der Krise des italienischen Fußballs).

Konkrete Ratschläge:

- Als Trainer darfst du nicht zu viel vom Gegner sprechen. Das verwirrt die Spieler.

- Du sollst auch nicht zu viele Videos zeigen. Einmal in der Woche kannst du deine Spieler mit den Fehlern des vergangenen Spiels konfrontieren. Die Verbesserungswünsche gebe man in Form von Vorschlägen (und nicht Befehlen) ab.

- Automatismen einüben, ein Fetisch. Du übst die ganze Woche Automatismen – und dann ist es im Spiel doch eine Ausnahme, die entscheidet. Also masshalten.

- Statistiken: Manche Trainer bekommen heute breits in der Halbzeit gigantische Datensätze zum Spiel und den Spielern ausgehändigt. Erfolgreiche Pässe vorwärts, erfolgreiche Pässe quer, Ballbesitz letztes Drittel... Statistiken können helfen, aber vieles erkennt der Trainer auch so. Also davon nicht zu viel.

Geld:

- Gehe wenn möglich zu einem Top-Verein. Für Top-Vereine ist es viel leichter, die besten Spieler zu halten.

So weit die Ratschläge, die Lucien Favre zu geben hat. Sie ergeben in der Summe das Bild eines Fußballehrers, der von der Schweizer Tugend des Mittelwegs und des Masshaltens geradezu besessen ist. Ob ihm der Erfolg bald sicher ist, wird sich zeigen, einen neuen Verein hat er noch nicht gefunden.

Michael Angele

 

fussball-regional.com, 25.10.2009

Der gläserne Fußball

Christoph Biermanns kluge Bestandsaufnahme „Die Fußball-Matrix“

Chronik eines angekündigten Tores. Über 25 Stationen zirkuliert der Ball, ohne dass ein Spieler der Mannschaft von Serbien-Montenegro daran riechen darf. Esteban Cambiasso krönt die Ballstaffette der WM 2006 nach Hackenvorlage von Hernan Crespo mit dem 2 : 0 für Argentinien. Bereits vergessener Architekt dieses wie am Reißbrett entworfenen Kombinationsfußballs war der nach der Viertelfinal-Niederlage gegen Deutschland zurückgetretene José Pekerman.

 

Im Gegensatz zu Trainern wie José Pekerman und Arsène Wenger, die auf wissensbasierte Strategien setzen, pfeift der aktuelle argentinische Nationaltrainer Diego Maradona auf taktische und planerische Finessen. Er verlässt sich auf seine Intuition und auf die Produktionsmittel, also die Klasse und Masse seines „Spielermaterials“. Der Erfolg gibt Argentiniens Fußballmessias zumindest vorläufig recht: Maradonas strauchelnde Gouchos schafften in letzter Minute die direkte Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika.

In seinem neuen Buch „Die Fußball-Matrix“ lässt Christoph Biermann keinen Zweifel, wohin die Reise ins dritte Jahrtausend dieses einzigen wirklich globalen Volksports führt: „Heute geht es um Wissen – oder den Versuch, es zu erlangen.“ Es lohnt sich, mit Biermanns klugem Fußballbuch diesen Versuch zu unternehmen – und dabei noch jede Menge Entdeckerspaß zu haben.

Ganz in seinem Element ist der Christoph Columbus unter den besten deutschen Fußballautoren immer da, wo es um das Verlassen ausgetretener Pfade und das Beschreiten neuer Wege geht: die Digitalisierung des Fußballs, den gläsernen Spieler, die wissenschaftlichen Grenzbereiche, die Zukunft dieser so einfachen und doch so komplexen, scheinbar unberechenbaren Sportart.

Das MilanLab, der Sieg über das Alter und das Ende alter Klischees

Biermann analysiert das Fußballwunder in der Provinz Kraichgau, spricht mit Lionel Messi in der Präsidentenloge des Stadion Camp Nou über dessen durchaus lehrreiche Playstation-Passion, mit sich selbst und seinen Kollegen vom FC Barcelona zu spielen, und steckt seine Spürnase auch ins geheimnisumwitterte Mailänder „Zentrum der wissenschaftlichen Revolution im Fußball“.

Im MilanLab sammelt eine Art Bordcomputer nicht nur alle möglichen medizinischen, physiologischen und biometrischen Daten über die AC-Fußballer. Auch die emotionale Verfassung, das soziale Verhalten, die Frühstücksgewohnheiten, ja sogar das private Schuhwerk der Profis werden in Milanello penibel ausgewertet. Spickmich für Fußballprofis sozusagen. Als der AC Mailand das Finale der Champions League 2007 mit 2 : 1 gegen den FC Liverpool gewann, vermutete man allen Ernstes, dass der Verein mit Hilfe des MilanLab auch das Alter besiegt habe. Nur vier Spieler in der Siegermannschaft von Athen – mit Paolo Maldini als fast 40jährigem Anführer - waren jünger als 30 Jahre alt. Erst kürzlich hat der AC Mailand in der Champions League die neuen Galaktischen von Real Madrid mit 3 : 2 besiegt. Im Bernabeu Stadion! Ein historischer Sieg. Altersdurchschnitt von AH Mailand: 31,4 Jahre! Der Mythos vom Jungbrunnen MilanLab wächst weiter.

Biermann räumt mit liebgewordenen Klischees auf: Von wegen Heimvorteil! Von wegen mehr Tore durch die Drei-Punkte-Regel! Von wegen Elfmeter flach ins Eck! Am besten schießt ihr sie hoch – aber bitte nicht so hoch wie Uli Hoeneß im Sommer 1976 in den Nachthimmel von Prag. Von wegen: Die Offensive schießt Tore, die Defensive gewinnt die Spiele. Verteidigen kann inzwischen jeder.

Und der Journalist stellt bohrende Fragen: Was hat Schach – laut Großmeister Felix Magath - mit modernem Fußball zu tun? Wann ist ein Spiel eigentlich schnell? Was bedeutet und wie misst man die Spielgeschwindigkeit? Welche Rolle spielen Wahrscheinlichkeitsrechnungen im Fußball? Er erklärt, warum sich im modernen Fußball die Mannschaften wie ein mobiles Kleinfeld auf einem Raum von maximal 40 Metern bewegen. Und – im Kapitel mit der trefflichen Überschrift „Dark Side of the Moon“ - warum Doping auch im Fußball ein sehr ernstes und gegenwärtiges Problem ist.

Zufall schießt doch Tore: Da beißt die Fußballwissenschaft sich selbst in den Schwanz

Bei aller analytischen Neugier auf die „wissensbasierte“ Entwicklung des internationalen Spitzenfußballs ist Christoph Biermann – wie einst als jugendlicher Anhänger von Westfalia Herne, wo er die Ergebnisse penibel in einer schwarzen Mappe notierte – vor allem ein Fan geblieben, der die Macht des Zufalls zu schätzen weiß. Biermann verweist auf eine Studie des Augsburger Sportwissenschaftlers Martin Lamnes. Dessen Forschungsergebnis: Bei 41,8 % aller Tore, die bei der Weltmeisterschaft 2006 fielen, spielte König Zufall mit. Da beißt die Fußballwissenschaft sich sozusagen selbst in den akademischen Schwanz.

So lautet Biermanns - irgendwie tröstliches – Fazit über die neue Berechenbarkeit und die alte Unberechenbarkeit des Fußballs: „Mögen beim Schach längst alle Eröffnungsvarianten analysiert sein, beim Fußball können wir nicht einmal drei Kurzpässe weit vorausplanen. Fußball bleibt auch unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System mit der Neigung zu Instabilität und Chaos. Das muss man aushalten können, wie im wahren Leben.“

Am Ende widerlegt der Autor nachdrücklich sein eigenes, dem Buch vorangestelltes Zitat des Schriftstellers Martin Walser: „Sinnloser als Fußball ist nur noch eins: Nachdenken über Fußball.“ Der neue „Biermann“: ein lehrreiches, wie ein torreiches Fußballspiel zu genießendes Fach- und Sachbuch für alle, die Fußball lieben, leben und lehren - vom Kreisklassen-Spieler bis zum Profi, vom Jugend- bis zum Bundesligatrainer.

Joseph Weisbrod

 

entscheidend-is-aufm-platz.de, 10. 11. 2009

Biermanns Suche nach dem perfekten Spiel
Published by Jannikon 10. November 2009
Im Rahmen seiner Lesereise zum Buch „Die Fußball-Matrix“ war Christoph Biermann zu Gast im Dortmunder FZW. Mit Spieleanalytiker Christofer Clemens holte sich der Journalist und Autor einen starken Partner ins Boot. Doch trotz dessen Hilfe bleibt das perfekte Spiel weiter unentdeckt.

Ein Ordner für den „Spiegel“, ein Ordner für die „taz“, ein Ordner für „11Freunde“. Im Laufwerk des Laptops von Christoph Biermann geht es wohlgeordnet zu. Kein Wunder, denn „einer der besten deutschen Fußballautoren“, als den ihn das Magazin „11Freunde“ Ausgabe für Ausgabe unter seiner Kolumne preist, muss irgendwie den Überblick behalten. Von Krise ist keine Spur. Derzeit befindet sich der 49-Jährige auf Lesereise und „auf der Suche nach dem perfekten Spiel“. So lautet der Untertitel seines neuesten Werkes „Die Fußball-Matrix“, das er am Montagabend im Dortmunder FZW vorgestellt hat.

Während andere Fußballautoren virtuos über ihre Liebe zum Spiel schreiben, wie echte Zehner, die scheinbar mit dem Ball über das Spielfeld schweben, dann ist Christoph Biermann ein Typ Sechser. Bis aufs Detail seziert er – mit nicht minder großer Zuneigung – die Seele des Sports. Er verteidigt und er greift an. Eine Schaltzentrale zwischen den Genres. Eben einer der besten. Mit einem Zitat von Martin Walser pfeift Biermann die Partie im FZW an. „Sinnloser als Fußball ist nur noch eins: Nachdenken über Fußball“, hat der Schweizer einmal gesagt. Anlass genug, diese Aussage 90 Minuten lang beherzt zu revidieren. Denn exakt so lang dauert ein Leseabend mit dem Spiegel-Mitarbeiter, Taz-Kolumnisten, Süddeutsche-Korrespondenten, Einslive-Experten und 11Freunde-Autor, der „Fast alles über Fußball“ weiß.

Da Biermann kein Mann für ausschweifende Monologe ist, dafür blendend Fragen stellen und noch besser zuhören kann, hat er sich Besuch auf die Bühne geholt. Christofer Clemens arbeitet für den Fußball-Dienstleister „Mastercoach International“ und ist Mitglied des DFB-Trainerstabs. Der Name der Firma umschreibt seine Aufgaben eigentlich zu Genüge. „Coachen“ ist seine Aufgabe – also verbessern, anregen und analysieren. Das alles auf „Master“-Niveau und international, also weit über die Grenzen des deutschen Fußballs hinausgehend.

Wenn die Nationalmannschaft sich ab heute auf die letzten beiden Länderspiele des Jahres vorbereitet, bedeutet das für Clemens wieder haufenweise Arbeit. „Die Spieler schauen sich prägnante, kurze Ausschnitte an, die zeigen, was die gegnerische Mannschaft ausmacht“, erzählt der Spieleanalytiker. Böse Überraschungen sollen so minimiert werden. Was jedoch nicht immer funktioniert, siehe das Russland-Spiel. „Auch Arne Friedrich und Jerome Boateng war klar, was ein Bystrov auf der linken Seite bewirken kann“, sagt Clemens. Dass man Erfolg nie garantieren, aber die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann, darin sehe er den Reiz seiner Arbeit.

Gemeinsam mit Biermann gewährt der DFB-Coach Einblicke in die Errungenschaften der Spielanalyse. Einmal wuseln rote und weiße Kreise wie elektrisierte Oblaten über den Platz. Plötzlich landet die kleinste Oblate im Tor. Bayern hat gegen Bayer getroffen, oder doch Bayer gegen Bayern? So genau muss man das erst einmal feststellen. Wenig später lässt Clemens die Zahlen spielen. Während manch einer es liebt, die Zusammenhänge des Brotverzehrs einer Stadt in Relation zum Erfolg des heimischen Teams zu stellen, hat das Wirrwarr in den Tabellen des „Mastercoaches“ einen sittlichen Nährwert. Beim Spiel der Argentinier in Frankreich befand sich Lionel Messi exakt 2 Minuten und 12 Sekunden in Ballbesitz. „Ein überragender Wert“, weiß Clemens. Woher er das weiß? „Ein durchschnittlicher Bundesligastürmer kommt pro Spiel gerade einmal auf 40 bis 50 Sekunden.“

Die Abspiele pro Schuss, der Abstand zwischen zwei Läufen hoher Intensität – nichts bleibt mehr ungewiss. Knapp drei Minuten bleiben einem Spieler nach einer Tempoverschärfung bis zur nächsten. Ob das nun viel oder wenig ist, wird wohl allein eine Einheit auf dem Sportplatz beantworten können. Schnell laufen, drei Minuten Pause, schnell laufen und das über 90 Minuten. Selbst ein Amateur komme auf acht, neun Kilometer pro Partie, verrät Clemens, bei der WM 2006 Co-Autor von Jens Lehmanns legendärem Zettel.

Ob die ganzen Daten nicht irgendwann einen „Overkill“ bei den Spielern verursachen würden, will Biermann wissen. „Nein“, meint sein Gesprächspartner. „Die sind alle im digitalen Zeitalter aufgewachsen.“ Im Gegenteil seien es die Profis selbst, die nachhaken und ihre Werte anschauen. Anders als Karl-Heinz Rummenigge es in die Welt gesetzt hat, ist Fußball auf diese Weise manchmal doch Mathematik. „Früher, also vor zwei Jahren“, erklärt Clemens schmunzelnd, „brauchte ein Bundesligaspieler 1,6 bis 2 Sekunden, um den Ball weiterzuspielen. Arsenal dagegen nur 1,0.“ Wenn man bedenke, dass 0,05 Sekunden genügen, um eine Fußspitze schneller am Ball zu sein, sei das schon ein Quantensprung.

Zum Schluss kommen sogar Verschwörungstheoretiker auf ihre Kosten. Eine simple Excel-Tabelle bringt den Stein ins Rollen. Biermann zeigt den Kader der deutschen U15-Nationalmannschaft, nach Geburtsdaten geordnet, und verweist nach ganz unten. Dort steht der Name von Kevin Holzweiler, Borussia Mönchengladbach, geboren am 16. Oktober 1994. Damit ist der 15-Jährige der einzige, der im letzten Quartal des Jahres das Licht der Welt erblickt hat. „Siebzig Prozent aller Spieler bei der U17-WM sind sogar im ersten Quartal geboren“, wirft Clemens, gerade erst zurück aus Nigeria, die nächste Zahl in den Raum, die nur auf den ersten Blick ein Fall für das NEON-Buch „Unnützes Wissen“ zu sein scheint. Denn tatsächlich sorgt der Jahresbeginn als Stichtag für die frappierende Ungerechtigkeit. Früher wurden die Jahrgänge parallel zum Saisonbeginn getrennt. Drei von vier Ehrenspielführern des DFB seien im letzten Quartal geboren, sagt Biermann. Nur ein Lothar Matthäus tanzt im März aus der Reihe.

In letzter Instanz fündig geworden „auf der Suche nach dem perfekten Spiel“ sind die beiden auch an diesem Abend nicht. 2006 hätten mit Deutschland, Italien, Frankreich und Portugal durchweg gut organisierte Mannschaften das WM-Halbfinale erreicht, blickt Clemens zurück. Spanien habe deshalb bei der EM 2008 Handlungsmöglichkeiten in der Offensive geschaffen und sei dafür belohnt worden. Wer nach dem perfekten Spiel sucht, muss also auch immer berücksichtigen, was er bereits vor ein paar Jahren gefunden hat. Somit variieren die Erkenntnisse von Zeit zu Zeit. Und wir stellen erleichtert fest: Der Fußball-Globus wird sich weiterdrehen. Trotz Wusel-Oblaten und Messis 132 Sekunden.

 

 

die-vorstopper.de, 25.10.2009

Frisch ausgelesen

Manchmal würde man dieses Spiel ja gern etwas besser verstehen. Warum zum Beispiel stand diese seltsame Hertha in der letzten Saison in der Tabelle so viel besser da, als es ihrem Können entsprochen hätte - und in dieser Spielzeit so viel schlechter? Warum gelang dem hochgelobten VfB mit Trainerneuling Babbel in der letzten Rückrunde so eine fulminante Aufholjagd  - und warum funktioniert in dieser Spielzeit bislang so gut wie gar nichts, trotz eigentlich guter Einkäufe?
Fußball ist schon ein seltsamer Sport. Geld mag helfen, um gute Bedingungen zu schaffen und bessere Spieler einzukaufen. Aber gewinnen tut es per se nicht.

Aber was macht dann den Unterschied aus zwischen einer guten und einer weniger guten Mannschaft?

Christoph Biermann hat sich für sein Buch über "Die Fußball-Matrix" auf die Suche nach Antworten gemacht. Und was entstanden ist, ist absolut lesenswert - so sehr, dass man mit dem Buch in der Hand gern schon mal eine Station zu lang in der U-Bahn sitzenbleibt, weil man sich zum Beispiel in die "hohe Kunst des Fehleinkaufs" vertieft hat.

Es sind die vielen kleinen Aha-Erlebnisse, die Biermann bei seiner Recherchereise durch die internationale Fußballwissenschaft gesammelt hat, die dieses Buch so lesenswert machen.
Ein durchschnittlicher Bundesliga-Stürmer zum Beispiel, schreibt Biermann, ist pro Spiel 45 bis 50 Sekunden am Ball - wenn es da ein Lionel Messi auf 2 Minuten 12 Sekunden bringt, ist das nicht wie auf den ersten Blick vermutet kläglich, sondern ein hervorragender Wert. 
Oder die Sache mit der Drei-Punkte-Regel: Mit der wollte die Fifa ja eigentlich den Offensivfußball belohnen - eingetreten aber ist genau das Gegenteil. "Wenn man für bestimmte Erfolge stärker belohnt wird", so berichtet Biermann unter Berufung auf Spieltheoretiker, "heißt es nicht zwangsläufig, die eigenen Anstrengungen zu erhöhen. Oft werden nur die Bemühungen anderer sabotiert, und genau das passierte nach der Einführung der Drei-Punkte-Regel." Soll heißen: weil der Sieg deutlich wertvoller geworden ist, wird dank der Drei-Punkte-Regelung nicht offener gekämpft, sondern mit zäher und defensiverer Haltung.
Oder auch die Biermann'sche Beschreibung der Platzverknappung im modernen Fußball:  Zwischen den beiden letzten Feldspielern liegen selten mehr als 40 Meter. So bearbeiten die 20 Feldspieler nicht gut 7.000, sondern nur einen Bruchteil, vielleicht 1.200 bis 1.500 Quadratmeter des Platzes.

Die "Fußball-Matrix" hat Biermann allerdings auch nicht gefunden - genauso wenig wie die Antwort auf die Frage, was nun den Unterschied ausmacht. Oder, um es mit Biermanns Worten zu sagen: "Fußball bleibt auch unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System mit der Neigung zu Instabilität und Chaos."
Wie dem auch sei: Wenn's nach mir ginge, würde dieses Buch zur Pflichtlektüre - zumindest für die, die Samstag für Samstag mit mir in irgendwelchen Kneipen sitzen und sich oft ja für die besten Fußballexperten überhaupt halten (allerdings dann doch keine Ahnung haben).

PS: Was mir aber am besten gefallen hat, ist das Zitat, das Biermann seinem Buch quasi als Motto voranstellt:


"Sinnloser als Fußball ist nur noch eins: Nachdenken über Fußball." (Martin Walser)

Veröffentlicht von Florian Neuhann um 11:10:40 am 25.10.2009 in Rubrik "Das Fundstück"

 

Neues Deutschland, 17.11.2009

Die Vermessung des Balls
Das Hebbel am Ufer untersuchte die »Fußball-Matrix«
Von Tom Mustroph
Ist Fußball berechenbar? In einem Theater, das sich der Erforschung dessen, was Theater ausmacht, verschrieben hat, versammelten sich am Sonntag Fußballexperten, um über die Bedingungen des optimalen Kicks nachzudenken.

Der Sportjournalist Christoph Biermann hatte den Ex-Trainer von Hertha BSC, Lucien Favre, den Filmkritiker und Fußballblogger Peter Körte sowie die Kriegsberichterstatterin und bekennende Fußball-Abhängige Carolin Emcke ins HAU 1 eingeladen, um seine gerade im Buch »Die Fußball-Matrix« erschienenen Thesen über die Verwissenschaftlichung des Spiels zu diskutieren.

Biermann beschreibt dort, wie sehr Videoanalyse und Statistik Einzug in den Trainingsalltag gehalten haben. Obwohl Biermann fasziniert ist von diesem Trend, scheint bei ihm stets die Skepsis an der durch die Daten suggerierten Erklärbarkeit des Spiels durch.

Überraschenderweise schlug sich ausgerechnet Favre auf die Seite der Datenskeptiker. Zwei, drei Mal habe er in seiner Zeit bei Hertha BSC den 34seitigen Datenreport zum Spiel, der in mit Sensorkameras ausgestatteten Spielstätten wie der Hamburger Arena angefertigt werden kann, benutzt. »Aber welcher Spieler gut war und welcher schlecht, wer viele Zweikämpfe gewonnen und ein gutes Stellungsspiel abgeliefert hat, weiß man bereits durch die unmittelbare Beobachtung einer Begegnung«, ist der Trainer von seinen ureigenen Wahrnehmungsfähigkeiten überzeugt.

Etwas aufgeschlossener gegenüber der Technik zeigte er sich, als Biermann eine 3-D-Simulation des WM-Endspiels 2006 auf die Leinwand projizierte. »Man sieht dort, auf welch engem Raum das Spiel abläuft«, konstatierte er. Wegen dieser für den heutigen Fußball charakteristischen Situation sieht Favre das größte Potenzial in der Fähigkeit des Einzelnen, solche Kräfteballungen wieder auflösen zu können. »Dazu müssen die Spieler Situationen besser voraussehen können«, so der Coach. Im physischen Bereich, der vor allem von den statistischen Daten beschrieben wird, sieht er die geringsten Steigerungsmöglichkeiten.

Vollkommen begeistert – und auch ein wenig erschreckt – von der digitalen Vermessung des Fußballs zeigte sich Carolin Emcke. Sie bedauerte, dass diese Art von Analytik so gut wie nie in der Sportberichterstattung auftauche, befürchtete aber anderseits, dass die Verkürzung des Spiels auf einzelne Datenschnipsel zur Entfremdung führen könnte.

Der Rasenpraktiker Favre und der Beobachtungsprofi Biermann konnten sie beruhigen: Die Spieler werden nur mit einem Bruchteil der Daten konfrontiert. Der Kampf von 22 Akteuren um einen Ball erweist sich noch immer als komplex genug, um nicht exakt vorausberechnet werden zu können. Das stimmt optimistisch. Andere Zahlenreihen – wie die der Etats und Spielergehälter – üben dagegen weit größeren Einfluss aus, als ein möglicher Wissensvorsprung durch Statistiken.

 

 

Tagesspiegel, 15.11.2009

Öffentliche Diskussion
Biermann und Favre: Wie Fußball geht
Der Fußballbuch-Autor Christoph Biermann diskutiert in Berlin mit Herthas früherem Trainer Lucien Favre.
Von Mathias Klappenbach

 Berlin - Was genau hat Philipp Lahm eigentlich gemeint, als er bei seinem Klub FC Bayern München die fehlende Philosophie anmahnte? Nicht nur solche Fragen sind im heutigen Fußball von Bedeutung, das einfache und doch so unendlich komplexe Spiel wird zusehends digitalisiert und verwissenschaftlicht.

Wer ein Bild davon haben will, worum es Philipp Lahm tatsächlich geht, sollte das aktuelle Buch von Christoph Biermann gelesen haben. „Die Fußball-Matrix. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel“ bringt den Leser auf den Stand der Dinge über die Entwicklungen in der modernen Fußballwelt, nach der Lektüre kann er mit Fug und Recht behaupten, dass die Analytiker in der Bierrunde beim „Doppelpass“ doch gar nicht wissen, wovon sie reden.

Am Sonntagabend redet Christoph Biermann bei der „Szenischen Spielanalyse“ mit Gästen im Berliner Theater Hebbel am Ufer, auch Herthas ehemaliger Trainer Lucien Favre wird da sein. Favre wird als Mann aus der Praxis erläutern, was man mit den Unmengen von Daten der Spielbeobachtungssysteme in den Stadien eigentlich anfängt. Der Filmkritiker Peter Körte wird etwas zu Fußball und Medienberichterstattung sagen, die Publizistin Carolin Emcke kommt als lernbegieriger Fan, der wie immer mehr andere auch an Fußballwissen interessiert ist. Biermann war mit dem Buch zum Beispiel auch bei Stefan Raab.

Die Zahl der wirklich guten Bücher über Fußball ist überschaubar. Christoph Biermann hat in den vergangenen Jahren einige davon wie „Wenn Du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen“ oder „Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann“ geschrieben. Sie galten nach ihrem Erscheinen jeweils als das Beste, was es derzeit zum Thema gibt, und ebenso verhält es sich nun mit der „Fußball-Matrix“.

Völlig zu Recht. Biermann zeigt den Weg der Veränderung des Spiels durch die digitale Revolution auf. Er hat sich mit Lionel Messi getroffen, der an der Playstation immer seine eigene Figur auswählt und auf dem realen Spielfeld hinterher versucht, diese nachzuahmen. Dort ist Messi von den 90 Minuten 2 Minuten und 12 Sekunden lang am Ball. Ein fantastischer Wert – ein Bundesligastürmer hat den Ball durchschnittlich 45 bis 50 Sekunden pro Spiel. Auch das „Milan-Lab“, das hochmoderne Trainingszentrum des AC Mailand, hat Biermann besucht. Er erklärt, wie der 1. FC Köln mithilfe von studentischen Spielbeobachtern seinen Top-Verteidiger Pedro Geromel gefunden hat, führt mit Felix Magath ein lehrreiches Gespräch über Schach und Fußball und weiß, warum die Spanier die einzigen sind, die wirklich offensiv spielen.

Biermanns Buch zeigt auf, wie Erfolg wahrscheinlicher gemacht wird. Er stellt dem produktionsmittelbasierten Fußball der reicheren Klubs den entgegen, der über weniger Geld, aber einen Wissensvorsprung verfügt. Ein Thema, das auch für den FC Bayern sehr interessant ist.

 

Der Standard, 13.10 2009

Essay
Die vermeintlich fehlende Fußball-Matrix
Ein neues Buch von Christoph Biermann beschreibt eine Verwissenschaftlichung des Fußballs, von der in Österreich nicht viel zu spüren ist

Ganze zwölf Sekunden ist Lionel Messi bei diesem Wundertor am Ball. Wäre er ein durchschnittlicher Stürmer in der deutschen Bundesliga, würde er bei solchen Antritten nur etwa vier Mal pro Spiel in den Besitz der Kugel kommen. Bei Messi - freilich ist der kleine Argentinier kein klassischer Angreifer - sind es schon mal deutlich über zwei Minuten. Derartige Details erfährt man bei Christoph Biermanns "Die Fußball-Matrix" zwischen den Zeilen. Im großen Ganzen beschäftigt sich der Deutsche in seinem neuesten Buch mit der Vermessung der Welt rund um das mittlerweile Plastik gewordene Leder. "Auf der Suche nach dem perfekten Spiel" besucht er Spieler, Trainer und Anlagen rund um die Welt. Er spricht mit Messi über Computerspiele, besucht die topmoderne Trainingsstätte vom TSG Hoffenheim, erklärt wie das Spiel in immer kleinere Einzelteile zerlegt wird.

Die Fußballwelt die er dabei zeichnet, lässt wenig Platz für wirre Romantik wie den Traum eines wundersamen Talents das aus dem Nichts kommt, einer zufällig zum Champions League-Sieg stolpernde Supermannschaft oder einem Weltmeisterteam aus Österreich.

Akribisch wird in der Realität an jedem Detail in modern ausgerüsteten Trainingseinrichtungen gearbeitet, jeder Pass und Laufweg per zerstückelten Videos analysiert und jede Aktion in Statistiken umgewandelt. Selbst vor dem Elfmeterschießen holen schlaue Torhüter mittlerweile Video-iPods heraus um den Zufallsfaktor zu minimieren.

Plumpe Videoanalysen sind längst nicht mehr genug, ein Spiel wird in seine Einzelteile zerlegt. Die Zeiten von "Geht's raus und spüt's euer Spü" sind längst vorbei.

Selbstzweifel

Wie viel Kritik von Außenstehenden ohne Zugriff auf dieses immense Datenmaterial kann sinnvoll sein? Journalisten wie Fans sind nur mit dem freien Auge und im besten Fall einem hervorragenden Verständnis für das Geschehen bewaffnet. Ein paar Basiswerte erfahren wir, wenn wir dem über noch weniger aussagekräftige Fernsehbilder folgen: Ballbesitz, Torschüsse, Fouls. Und vereinzelt legen uns besonders gute Medien Netzwerkanalysen zu Füßen. Von den detaillierten Statistiken, die spezielle Agenturen den Vereinen liefern ist das alles aber so weit entfernt wie der Mond. Die digitale Revolution im Fußball hat stattgefunden.

Bildungsarbeit vom Fußballverband und den Vereinen wäre gefragt. Um das Spiel wieder besser zu verstehen, bräuchten Fans und Journalisten auch mehr Möglichkeiten. Wie wäre es mit Mitschnitten aus einer totalen Perspektive, die man sich (aus Rücksicht auf die TV-Rechte) ein paar Tage nach dem Spiel von der Liga-/ÖFB-Webseite laden darf? Und ließen sich mehrsagende Statistiken aus der Vorsaison nicht auch zur Verfügung stellen?

Der vermeintlich beruhigende Ansatz des ÖFB funktioniert auch. Gerade als du beim Biermann-Buch schon kleinlaut wirst, zieht dich Motivator Didi Constantini aus dem Selbstmitleid. "Videoanalyse vom Gegner? Bringt nichts!", verkündete er sinngemäß vor dem Spiel gegen Litauen (und sprach freilich nur von diesem). Kam der schwache Sieg gegen einen schlechten Gegner wegen oder trotz der Weigerung die Mannschaft mit Videos vorzubereiten? Die Antwort steht irgendwo im Kaffeesud.

Old School

Wie gut die Vorbereitung unter Constantini tatsächlich ist, lässt sich von außen schwer sagen. Und die Stimmung unter den Einberufenen scheint immerhin wirklich gut zu sein. Doch das was da immer wieder nach außen dringt, bereitet Sorgen um die Nachhaltigkeit und Professionalität.

"Der Teamchef hat vor dem Match zu mir gesagt, ich soll mich reinhauen, weil ich körperlich gut drauf sei. Das sollte ich allen zeigen. Das Spielerische käme dann von selbst.", erklärte etwa Roman Wallner nach der Samstags-Tortur. Und das "Geht's raus und spüt's euer Spü"-Konzept findet anscheinend plötzlich doch wieder Platz.

Haben diese Methoden im Fußball wirklich noch nicht ausgedient? Oder nur im Erfolgreichen? Oder stoßen da lediglich zwei unterschiedliche Philosophien aufeinander? Die von im besten Sinne fanatischen Wissenschaftern wie Arséne Wenger und jene von klassischen Motivatoren wie Didi Constantini? Würde man solche Anweisungen zum Beispiel in Deutschland hören? Vielleicht ist es ja nur ein verklärter Blick auf eine größere Fußballnation, der nicht zulässt das zu glauben.

Doch das Spiel der Deutschen am Samstag in Russland legt auch nahe, dass die Matrix dort viel stärker durchleuchtet ist. Vor Einwechslungen wird unter Jogi Löw das dicke Taktik-Buch ausgepackt, das mit einer einst von Jürgen Klinsmann entwickelten genauen Philosophie zusammenhängt.

Nach diesem geheimen Rezept spielen beim DFB auch die Nachwuchsnationalteams, verrät Biermann irgendwo auf seinen 233 Seiten an lesenswertem Text. Deutschlands Mannschaft hat zwar am Samstag das vielbeschworene Masel überstrapaziert, aber der permanente Erfolg der letzten Jahre ist kein Glück sondern schlichtweg Ergebnis eines großen und guten Plans.

Die Sache mit den Jungen

Ein solches, alles durchdringendes Konzept erleichtert natürlich auch die Integration von Jungen in die erste Mannschaft (im großen Entscheidungsspiel gegen Russland ließ Jogi Löw nach dessen starken, titelgekrönten U21-WM-Leistungen erstmals Jerome Boateng auflaufen). Zweifel sind berechtigt, dass es unter Constantini schon ähnliches gibt.

Nicht nur, weil er es nicht für machbar hält, das derzeitige Spielerpotential bis 2011 so zu formen, dass man gegen Mannschaften wie Litauen jedenfalls klar Favorit ist. Jetzt wo er für weitere zwei Jahre im Amt ist, sollte dieser philosophielose Zustand enden. Constantini sagte jüngst auf die Frage nach seinen Vorstellungen für das Team der Zukunft nur: "Visionen sind immer schwierig". ÖFB-Präsident Leo Windtner wäre gefragt diese Vision einzufordern.

Denn vor allem der Umgang mit den Jugendmannschaften in den vergangenen Monaten ist einige Fragen wert. Andreas Herzogs U21, auf dem Weg zur Europameisterschaft (und in der Folge den Olympischen Spielen), wurden zuletzt permanent vor kritischen Spielen Leistungsträger entnommen. Es ging natürlich auch bei der A-Nationalmannschaft noch um recht wichtige Punkte für künftige Auslosungen. Und junge Spieler einzusetzen ist ganz prinzipiell nicht schlecht, vor allem nach all den Jahren, wo solche zu lange hingehalten wurden.

Balance und Weitsicht

Aber Balance und Weitsicht müssen gegeben sein. Daniel Beichler und Yasin Pehlivan sind Leistungsträger auf die Constantini verständlicherweise nicht verzichten will. Auch gegen Veli Kavlaks Einsatz ist nichts einzuwenden und um David Alaba schnuppern zu lassen ist jetzt sogar der perfekte Zeitpunkt.

Aber müssen etwa Christopher Drazan und Julian Baumgartlinger wirklich für die Bank geholt werden, sodass Herzogs U21 in Aserbaidschan schwer in Bedrängnis gerät? Wie bedeutend ein Nachwuchs-Erfolg in jeder Hinsicht ist, das hat 2007 die Weltmeisterschaft der Gludovatz-U20 ein für allemal bestätigt.

Die finanzielle Konsolidierung der heimischen Vereine über Transfers, der aktuelle sportliche Steigflug unseres Fußballs und auch das Selbstvertrauen der neuen Generation – das begann mit diesem Erfolg. Zumindest im (ausgezeichneten) österreichischen Nachwuchs kann man mit einem entsprechendem Konzept solche Erfolge auch zur Regel machen.

Dazu braucht es aber einen Verband und Teamchef, der etwas von der Matrix hält und versteht. Diese Verwissenschaftlichung, lässt Biermanns Buch folgern, nimmt dem Fußball zwar auch nicht diesen herrlichen chaotischen Aspekt, der alles möglich macht. Aber Österreichs Fußballfans sollen sich ja nicht ewig mit Eintagsfliegen und Zittersiegen gegen Litauen zufrieden geben müsen.

 

Süddeutsche Zeitung, 13.10.2009

Der Plot jenseits der Tabellenplätze

Auf der Suche nach perfektem Spiel: Christoph Biermann will das letzte metaphysische Biotop trockenlegen: den Fußball Von Jens-Christian Rabe

 

Suchte man nach dem letzten unhinterfragten metaphysischen Biotop der Gegenwart, nach der großen Bühne, auf der täglich noch unwidersprochen dunkel geraunt und hemmungslos das überzeitlich Gültige, das ewig Wahre beschworen werden darf - nein, nein, man landete nicht im Vatikan. Den weht schließlich längst von allen Seiten der raue Wind des Zweifels an. Man landete natürlich auf dem Fußballplatz.

Wer die meisten Zweikämpfe gewinne, gewinne das Spiel, hörte man dann da, und wer am häufigsten in Ballbesitz sei, habe den größten Erfolg. Wer seine Torchancen am konsequentesten nutze, stehe am Ende ganz oben und außerdem gebe es selbstverständlich einen psychologisch günstigen Zeitpunkt, um ein Tor zu erzielen. Mannschaften seien besonders in Gefahr, ein Gegentor zu kassieren, wenn sie selbst eben erst ein Tor erzielt hätten und Stürmer hätten nun einmal so etwas wie Glückssträhnen - oder eben nicht.

Wäre etwas richtiger, je häufiger es gesagt würde - Fußballreporter, Funktionäre, Trainer und Spieler, insbesondere die, die im deutschen Fernsehen auftreten, wären längst Propheten.

Der Kölner Autor Christoph Biermann, der spätestens seit seinem 1999 erschienenen (und gemeinsam mit Ulrich Fuchs verfassten) Buch "Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann - Wie moderner Fußball funktioniert" zu den angesehensten Sportjournalisten des Landes zählt, hat sich nun eindrucksvoll daran gemacht, dem Unfug Einhalt zu gebieten. Man muss sein neues Buch "Die Fußball-<> - Auf der Suche nach dem perfekten Spiel" als Versuch lesen, das metaphysische Biotop Fußball trockenzulegen. Mit aller Liebe zum Gegenstand zwar, aber gründlich. Als eigenhändig tüftelnden Forscher darf man sich Biermann dabei allerdings nicht vorstellen. Vielmehr als umsichtigen und gewandten Erzähler und so unermüdlichen wie klugen und kritischen Sammler von Informanten und Informationen.

Bei der Widerlegung etwa der schon genannten Mythen des Spiels, beruft er sich auf Roland Loy. Der Münchner Sportwissenschaftler wertete 3000 Fußballbegegnungen aus, um den Weisheiten einmal systematisch auf den Grund zu gehen und kam zu verblüffenden Erkenntnissen. 60 Prozent aller Spiele gewinnen demnach nicht die Teams mit der besseren, sondern die mit der schlechteren Zweikampfbilanz. Auch ein längerer Ballbesitz muss nicht zwangsläufig spielentscheidend sein. Nur ein Drittel der Mannschaften, die während eines Spiels häufiger am Ball sind, gehen am Ende auch als Sieger vom Platz. Ebenso wenig gibt es wohl so etwas wie einen psychologisch günstigen Zeitpunkt für ein Tor. Britische Psychologen, so Biermann, die gut 350 Spiele der englischen Premier League ausgewertet haben, konnten beweisen, dass es für die Siegwahrscheinlichkeit keine Rolle spielt, ob man nun kurz vor der Pause trifft (dem vielbesungenen richtigen, weil den Gegner vermeintlich schwer demoralisierenden Moment) oder gleich zu Beginn der ersten Halbzeit. Genauso wenig ist ein Team nach einem Torerfolg - im Taumel des Glücks - anfälliger für ein direktes Gegentor. Ganz zu schweigen davon, dass ein Spieler, der in einem Spiel ein Tor erzielte, dies nicht mit höherer Wahrscheinlichkeit auch im folgenden tun wird.

Noch lieber liest man all dies zudem, weil man ganz nebenbei auch noch erfährt, dass Loy nicht nur schon bei der Weltmeisterschaft 1990 sportlicher Berater des damaligen Teamchefs und oberweisen Platitüdenkönigs Franz Beckenbauer war, sondern heute auch Berater der ZDF-Sportredaktionen bei Länderspielen und großen Turnieren ist. Wenn man <> glauben darf, dann leidet der streitbare Aufklärer bei diesen Anlässen, bei denen er die Moderatoren und Experten vor der Kamera mit Detailinformationen beliefert, nicht selten wie ein geprügelter Hund.

Wo die Messlatte für ein Buch wie die "Fussball-Matrix" liegt, wird natürlich trotz aller theoretischer Zurückhaltung nicht verschwiegen. Zum Glück. Denn es zeigt vor allem die Möglichkeiten, die in der kontrollierten Erforschung des Spiels stecken könnten. Die Messlatte ist das 2003 erschienene Buch "Moneyball" des amerikanischen Journalisten Michael Lewis. Es gilt als einflussreichstes Sportbuch, das bislang geschrieben wurde, weil es nachhaltig eine ganze Sportart veränderte: den Baseball.

Lewis hatte monatelang Billy Beane begleitet, den General Manager der Oakland Athletics, eines populären, aber erfolglosen amerikanischen Profi-Baseballteams. Beane wiederum hatte sich als erster dazu entschlossen Erkenntnisse des extrem fleißigen und kreativen, aber von den Verantwortlichen der Teams konsequent missachteten Baseball-Statistikers Bill James ernstzunehmen. Lewis beschrieb schließlich in seinem Buch nicht nur, "auf welche neue Weise Beane die Auswahl seiner Spieler betrieb. Er konnte auch davon berichten, dass sie in den Spielen selbst anders eingesetzt wurden als zuvor. So dämmerte es allen Managern, Trainern und Scouts, dass es wohl an der Zeit war, althergebrachte Wahrheiten über Bord zu werfen, die offensichtlich keine mehr waren. Der nach Football populärste Sport in den USA trat in eine neue Ära ein, in der neben sentimentalen Momenten im sommerlichen Ballpark auch Computerprogramme eine Bedeutung hatten". Und alles nur, weil ein Neugieriger wissen wollte, was nun wirklich ausschlaggebend für den Erfolg im Baseball ist und deshalb darauf kam, dass Schlagmänner, die den Ball nicht aufsehenerregend aus dem Stadion donnerten, dramatisch unterschätzt würden.

Eine ähnlich spektakuläre Entwicklung ist in Deutschland vorerst wohl leider nicht zu erwarten. Gegenüber amerikanischen Baseball-Statistiken verhalten sich insbesondere deutsche Fußball-Statistiken schließlich noch immer wie, sagen wir, ein Müllberg zum K2. Aus Mannschaftsaufstellungen, Auswechslungen, Verwarnungen, Platzverweisen, Torschützen und Zuschauerzahlen lässt sich keine grundstürzende Theorie des Fussballs destillieren.

Aber es ist eine der wunderbaren Überraschungen des Buches, dass Biermann vielversprechende Ansätze einer solchen Theorie dort findet, wo man sie vielleicht nicht unbedingt vermuten würde: im Wettbüro. So reiste er nicht nur zu den bekannten Laboratorien der berühmten Clubs und sprach mit den festangestellten Trainern, Medizinern, Analytikern und Computersoftware-Entwicklern, sondern besuchte auch einen Mann, in dessen Londoner Firmenzentrale, der sich Jim Towers nennt. Der ehemalige Börsenspekulant und nun außergewöhnlich erfolgreiche Fussballwetter hält das, was die Fussball-Öffentlichkeit für wichtig hält für völlig unwichtig. Um die Form einer Mannschaft zu bewerten, so Biermann, benutze Towers vor allem einen Dienst, der ihm kontiniuerlich Live-Informationen darüber liefert, ob es bei einem Spiel kleinere, mittlere, größere oder riesengroße Torchancen gegeben hat. Für Außenstehende mag das sehr selbstverständlich klingen. Tatsächlich interessiert sich die Mehrheit der Meute nach wie vor nur für Siegesserien, Tabellenplätze und dafür, ob ein Team gerade ausgeruht oder belastet ist. Towers ist im Grunde sogar das Ergebnis eines Spiels egal. Zu wenig aussagekräftig.

Es dürfte sehr spannend sein, zu beobachten, was aus der "Fußball-Matrix" wird. Ein Buch, dass radikaler und zugleich zugänglicher, eleganter für eine vollkommen neue Sichtweise des populärsten Sports der Welt plädiert, hat es noch nicht gegeben. Am wahrscheinlichsten dürfte sein, dass es einen gewissen Einfluss auf das Schreiben und Nachdenken über den Sport in den anspruchsvolleren Zeitungen und Zeitschriften hat. Not täte es. Denn selbst dort, wo anderes möglich wäre, liest man in der Regel banale Mutmaßungen und arge Kurzschlüsse. Die Geschichte eines Spiels wird meist zwar mit vielen Protagonisten erzählt, aber ohne ein tieferes Verständnis des Plots, der Zusammenhänge.

Wem bei alldem das unvorhersehbare Moment des Fußballs zu kurz kommt, dem dürfte der Schluss gefallen. Natürlich, so Biermann, bliebe das Spiel "ein System mit Neigung zur Instabilität". Aber natürlich ist es kein Zufall, das genau hier, im allerletzten kurzen Absatz, von Wahrheit keine Rede mehr ist.

Also: Man tut das ja eigentlich nicht, Bücher verschreiben. Aber diesmal muss es sein, ausnahmsweise: Wer sich wirklich für Fußball interessiert, der möge dieses großartige Buch lesen. Und alle anderen ebenso. Man entkommt dem Sport ja nicht in diesem Land. Wer allerdings auch noch im Fernsehen über Fußball sprechen muss, der lese es zweimal, nein, besser: dreimal. Und dann nochmal von vorne. Bitte!

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2009

Der Beitrag wurde auf Bitte der FAZ gelöscht.

 

Fussball-Forum.de, 10.10.2009

Längst ist auch der Fußball digitalisiert worden. Im Spitzenbereich findet sich kein Klub mehr, der nicht hoch spezialisierte Analytiker beschäftigen würde. Fußballtrainer stützen ihre Arbeit auf moderne Mittel der Leistungsdiagnostik, umfangreiche Datenbanken liefern ihnen jeden nur erdenklichen Wert zur eigenen Mannschaft und zum Gegner. Ballbesitz, Passquote, Laufwege – längst haben solche Daten auch Einzug gehalten in die Fußballberichterstattung und in die öffentlichen Diskussionen.

Aber ist der Fußball nicht zu komplex, um ihn vermessen und planen zu können? Entscheiden letztlich nicht doch der Zufall oder der plötzliche Geniestreich über Sieg und Niederlage?

Mit Die Fußball-Matrix hat Christoph Biermann dazu ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswertes Buch vorgelegt. Auf 256 Seiten erfährt der Leser, warum die wahre Fußballkunst in der Offensive liegt. Biermann erklärt, wie man einen Elfmeter schießen sollte, warum die Drei-Punkte-Regel den Fußball defensiver gemacht hat, wie Klubs grobe Fehler bei Spielertransfers vermeiden können.

Biermann reiht keinesfalls nur statistische Daten aneinander, sondern er beschreibt sehr umfassend die wissenschaftlichen Fortschritte auf dem Gebiet der Fußballforschung – immer auf der Suche nach der Fußball-Formel schlechthin. Dazu hat der Autor weite Reisen unternommen, hat Mathematikern, Informatikern, Psychologen oder Trainern Besuche abgestattet und sich deren Entwicklungsarbeit angesehen, um sie auf ihre Brauchbarkeit hin zu untersuchen. Aber ganz gleich, ob es sich dabei um hoch komplexe mathematische Modelle zur Berechnung von Erfolg versprechenden Angriffsvarianten oder sportmedizinische Hightech-Verfahren wie das berühmte Milan Lap handelt – Biermann erliegt nicht der Faszination der Zahlen. Er bewahrt sich die notwendige kritische Distanz und verzichtet auf einfache Antworten.

Die große Leistung des Buches besteht daher vor allem darin, dem Leser zu zeigen, dass die wissenschaftliche Durchdringung des Fußballs und dessen Digitalisierung längst eingesetzt haben, diese gleichzeitig aber als das zu begreifen, was sie sind: allenfalls Annäherungen an die komplexe Wirklichkeit des Spiels.

Das Buch ist in einem flotten Stil geschrieben, es liest sich gut. Und da mit 16,90 Euro auch der Preis stimmt, dürfte Die Fußball-Matrix sehr oft über die Ladentheken gehen. Passend zum Buch hat Christoph Biermann übrigens eine sehr lesenwerte Website mit ausführlichen Informationen eingerichtet.

 

Thadeusz, 8.9.2009

Download der Sendung als Podcast hier:
http://www.rbb-online.de/thadeusz/podcast/thadeusz_podcast.html

   

Junge Welt, 21.9.2009

Wissen statt Meinungen
»Die Fußball-Matrix«: Christoph Biermann über die Digitalisierung des Fußballs
Von Marek Lantz

Könnte er am Ende doch nicht rund sein, sondern genau klitzekleine 4096 Ecken haben? Das Runde des Fußballs – symbolisch verkörpert es seit jeher die Unvorhersehbarkeit und Unberechenbarkeit des Spiels. Wenn man allerdings im letzten Jahrzehnt bisweilen Trainern wie Ralf Rangnick zuhört, kommt man nicht umhin, ihnen leicht psychologisierend zu bescheinigen, daß sie offenbar am liebsten genau das Moment des Zufalls und des Unwägbaren aus dem Spiel ausmerzen möchte. Natürlich ist dies ein Wunschtraum, den letztlich jeder Fußballtrainer hat, wenn er Abwehrketten, Laufwege und Paßfolgen einstudieren läßt. Und noch viel natürlicher ist und bleibt es in erster Linie eine Fiktion.

Bislang, könnte man mit leicht kulturpessimistischem Unterton anfügen. Christoph Biermann, prominentester Fußballjournalist hierzulande, der in der Literaturgeschichte einen respektablen kleinen Auftritt in Wolfgang Welts proletarischen Prä-Popromanen vorzuweisen hat, nimmt sich in seinem neuen Buch »Die Fußball-Matrix« des Phänomens an, wie inzwischen an vielen Fronten versucht wird, den Beelzebub Zufall aus dem komplexen Spiel auszutreiben. »Die Dinge ändern sich, während so viel über Fußball gesprochen und geschrieben wird wie noch nie. Doch einfach nur Meinungen zu haben ist passé. Heute geht es um Wissen. (...) Ich beschreibe die digitale Wende des Fußballs und seine Verwandlung in ein Spiel der Zahlen«, faßt er im Vorwort zusammen.

Also sucht der Bücher schreibende Journalist die vorgeblichen Epizentren der gigantischen Modernisierungs- und Rationalisierungbewegung auf, die den Kampf um das runde Leder im neoliberalen Zeitalter erfaßt hat: Hoffenheim, London, Wolfsburg, Barcelona, Mailand. In Barcelona trifft er auf Lionel Messi, den derzeit begnadetsten Balltreter auf der Erde, der ihm erzählt, daß er sich als begeisterter Fan von Fußball-Videospielen immer selbst spielt: »Man sieht gewisse Dinge und versucht sie auf dem Spielfeld nachzuahmen«, erklärt der argentinsche Supertechniker. Der Messi auf dem Bildschirm sei letztlich besser als der reale.

Neben Abstechern in die konkrete Fußballpraxis beleuchtet Biermann zudem das vordergründig nur bunte Blüten treibende Wesen der Datensammler und Statistiker. Das boomende Gewerbe von Sportwetten spielt eine Rolle, genau wie allerlei Versuche, das Spiel mittels komplizierter Rechenmodelle zu quantifizieren.

Kulturell ist die von Biermann konstatierte Digitalisierung des Fußballs natürlich eine Entsprechung dessen, was sich in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen unter der diskursiven Hegemonie der Finanzanalysten fassen läßt: eine bestimmte, sehr datenintensive und an Wahrscheinlichkeiten orientierte Art des gedanklichen und strategischen Weltzugriffs, die sich in den letzten anderthalb Dekaden als der heißeste Scheiß auf Erden gerieren konnte. Daß es sich dabei um mehr als bloße Ideologie handelt und noch die widerwärtigsten Agenten des Bösen auch an den sensiblen Rädchen der Produktivkräfte herumjustieren, ruft Biermanns Buch gleichermaßen eindrucksvoll wie unterhaltsam in Erinnerung.

 

Badisches Zeitung, 12.9.2009

Wer glaubt, Fußballspiele würden einzig und allein auf dem Rasen entschieden, irrt gewaltig. Zwar wissen wir seit Adi Preißler: "Grau is’ alle Theorie – entscheidend is’ auf’m Platz", doch der Autor und Journalist Christoph Biermann hat uns jetzt eines Besseren belehrt. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel sind Trainer und Wissenschaftler längst von der Betrachtung an der Seitenlinie abgerückt. Spiele und Spieler werden heutzutage geradezu seziert, Daten werden erhoben, Computer gefüttert. Der deutsche Trainer Felix Magath vergleicht Fußball gar mit Schach, ein englischer Ökonom will das Spiel berechenbarer machen, der italienische Top-Klub AC Mailand sogar die Verletzungen besiegen. Und überhaupt: Sind Fehleinkäufe eigentlich vermeidbar? Und weshalb fallen immer weniger Tore? Fragen über Fragen, zu denen Biermann ebenso überraschende wie unglaublich anmutende Antworten zutage gefördert hat. Selbstverständlich darf auch eine Erörterung darüber, ob der Fußball nun schlechter oder besser geworden ist, nicht fehlen. Dass dabei auch der SC Freiburg eine, wenn auch kleine Rolle spielt, sei nur am Rande erwähnt. Herauszustellen bleibt: Biermanns Buch ist nicht nur gut, spannend und unterhaltsam geschrieben. In Sachen Fußball gibt es derzeit nichts Kompetenteres!

 

Abendzeitung, 4. 9. 2009

"Die Fußball-Matrix: Auf der Suche nach dem perfekten Spiel" heißt das neue Buch des Fußball-Journalisten Christoph Biedermann. Dieses Werk über die "schönste Nebensache der Welt" ist gleichzeitig amüsant, anschaulich und lehrreich.

Am Anfang war die Ran-Datenbank. In den Neunziger Jahren wurde der Fußballfan durch die Ran-Datenbank mit Informationen gefüttert, von denen er nicht ahnte, dass er sie braucht. Wieviele Flanken kommen während der Partie von rechts, wieviele Freistöße braucht eine Mannschaft im Durchschnitt für den Torerfolg – die Ran-Datenbank hatte alle Antworten, auch wenn sie im Zweifel beim Zuschauer noch mehr Fragen aufwarf. Wie zum Beispiel: Wer sammelt all diese Daten, und wozu? Viel mehr als Technikhörigkeit der angeschlossenen Sendeanstalten mochte man als Zuschauer hinter dem allabendlichen Datensalat nicht erkennen. Das war zu Zeiten, als Fußballer noch ehrbare Namen wie Roman Geschlecht trugen, und Erich Ribbeck beim FC Bayern die Nachfolge von Sören Lerby antrat. Andere Zeiten. Nicht nur die Vereine haben mittlerweile den praktischen Nutzen der Vermessung der Fußballwelt erkannt, sondern auch die Fans. Die Verwissenschaftlichung des Fußballs nicht nur eine Industrie mit einem Milliardenumsatz, sondern auch in den unterklassigen Ligen Tagesgeschäft.
Der renommierte Fußballjournalist Christoph Biermann hat schon mit seinem Erstling „Wenn Du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen“ glaubhaft gezeigt, dass für ihn Fußball kein Spiel um Leben und Tod ist, sondern viel mehr als das. Im jetzt erschienen „Die Fußball-Matrix – Auf der Suche nach dem perfekten Spiel“ schließt er die Lücke zwischen Fußball-Traditionalisten, die Ran-Datenbank und Laktattest für Teufelszeug halten, und der neuen Fußballrealität. Er erklärt eine Wissenschaft, in der Jürgen Klinsmanns einst als „amerikanisches Gedöns“ gescholtenen Thera-Bänder so altbacken erscheinen, wie die Spieltaktik, mit der Otto Rehhagel die griechische Nationalmannschaft 2004 zum EM-Titel mauerte.
Biermann entführt den Fußballfan in eine Welt, in der Weisheiten wie „Der Sturm gewinnt Spiele, die Verteidigung gewinnt Meisterschaften“ auf ihren Wahrheitsgehalt seziert, analysiert und berechnet werden können. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel vergleicht er mit Meistertrainer Felix Magath Fußball und Schach, besucht das geheimnisvolle Laboratorium des AC Mailand und das Leistungszentrum der TSG Hoffenheim. Mit Lionel Messi spricht er über Computerspiele an der Konsole, mit einem Ökonomen über dessen Plan, den Fußball berechenbar zu machen.
Biermann erfährt, wie man einen Elfmeter schießen sollte, warum die Drei-Punkte-Regel den Fußball defensiver gemacht hat, und wie Klubs grobe Fehler bei Spielertransfers vermeiden können. Wir werden beim Lesen von überkommenen Meinungen Abschied nehmen müssen, aber in den allgegenwärtigen Diskussionen über Fußball fundiertere Antworten darauf geben können, wie es zu Sieg und Niederlage kommt.
Dabei ist der Stil weder technokratisch, noch langatmig. Biermann präsentiert uns zur neuen Saison ein höchst bemerkenswertes Buch, amüsant, flüssig, anschaulich, lehrreich für Zaun-Nörgler, Statistikfanatiker, Jugendtrainer, Herzblutfans.
Er zeigt den aktuellen Stand der Forschung, so wie er ihre Grenzen umreißt. Und stellt am Ende fest: „Fußball bleibt auch unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System mit der Neigung zu Instabilität und Chaos.“
Liebevoller ist die Schönheit dieses Spiels selten beschrieben worden.
Ayla Kiran

 


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