Fußball-Matrix

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Pressestimmen

Diverse Pressestimmen

»Biermann präsentiert uns ein höchst bemerkenswertes Buch, amüsant, flüssig, anschaulich, lehrreich für Zaun-Nörgler, Statistikfanatiker, Jugendtrainer, Herzblutfans.«
Abendzeitung

»Die Fußball-Matrix ist für alle, die Fußball wirklich lieben und die das ewige Rätsel des perfekten Spiels umtreibt, es ist für Fußball-Intellektuelle ebenso geeignet wie für die Stammtisch-Runde, es ist klug und lustig, spannend und informativ und man wünscht sich, dass solche Texte zum Standard der täglichen Berichterstattung in den Sportteilen der Zeitungen würden und dass solche Autoren eigene Sendungen zur Fußball-Analyse bekämen.«
Carolin Emcke

»Es stecken etliche Überraschungen und manche Kuriosität in der Fußball-Matrix – das zeigt schon der Blick ins Register. Doch wer deshalb an der Ernsthaftigkeit von Biermanns Anliegen zweifelte, wäre in die Falle gegangen. Denn auf der “Suche nach dem perfekten Spiel”, so der Untertitel, wird nicht viel finden, wer nur zusammendenkt, was nach gängiger Meinung ohnehin zusammengehört.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Die Fußball-Matrix ist das wahrscheinlich aufregendste deutschsprachige Fußballbuch des bald zu Ende gehenden Jahrzehnts.«
Frankfurter Rundschau

»[...] ein hochinteressantes Buch [...]. Biermann beschreibt und erzählt darin, wie die Vereine diese Suche mit immer aufwändigeren wissenschaftlichen Methoden betreiben – Fußball im Zeichen der Statistik und Digitalisierung.«
Der Freitag

»Die Zahl der wirklich guten Bücher über Fußball ist überschaubar. Christoph Biermann hat in den vergangenen Jahren einige davon [...] geschrieben. Sie galten nach dem Erscheinen jeweils als das Beste, was es derzeit zum Thema gibt, und ebenso verhält es sich nun mit Die Fußbball-Matrix.«
Der Tagesspiegel

»Biermanns Buch ist nicht nur gut, spannend und unterhaltsam geschrieben. In Sachen Fußball gibt es derzeit nichts Kompetenteres!«
Badische Zeitung

»Es ist diese “Neigung zu Instabilität und Chaos”, wie Christoph Biermann das nennt, die ihn eher gelassen auf die schöneneue Fußballwelt schauen lässt. Und uns auch.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung am Sonntag

»Sein Wort in (Fußball-) Gottes Ohr!«
Hamm - Das Magazin

»Biermanns spannende Recherchen im Reich der Fußballwissenschaften fördern immer wieder verblüffende Erkenntnisse zutage.«
Falter

»Christoph Biermann hat ein so außergewöhnliches wie verblüffendes Fußballbuch geschrieben.«
Bundesliga-Magazin

»Christoph Biermann hat ein höchst erstaunliches Buch geschrieben (...) über die fußballerische Moderne. Er hält in diesem leicht bizarren Kulturkampf gekonnt die Äquidistanz zu den Traditionalisten, wie auch zu den Apologeten der Fußball-Wissenschaft. (...) Biermanns lesenswertes Buch lässt uns selbst dieses Chaos besser verstehen.«
11 Freunde

»Mit zum Teil wissenschaftlicher Akribie hat sich der Fußballexperte der Suche nach dem perfekten Spiel angenommen.«
Kölnische Rundschau

»Man tut das ja eigentlich nicht, Bücher verschreiben. Aber diesmal muss es sein, ausnahmsweise: Wer sich wirklich für Fußball interessiert, der möge dieses großartige Buch lesen. Und alle anderen ebenso.«
Süddeutsche Zeitung

»Wer sich wirklich für Fußball interessiert, der möge dieses großartige Buch lesen. Und alle anderen ebenso. Man entkommt dem Sport ja nicht in diesem Land. Wer allerdings auch noch im Fernsehen über Fußball sprechen muss, der lese es zweimal, nein, besser: dreimal. Und dann nochmal von vorne. Bitte!«
Süddeutsche Zeitung

 

opetharian 20. Januar 2010

http://opetharian.wordpress.com/2010/01/20/nicht-alle-wege-fuhren-nach-rom/

Nicht alle Wege führen nach Rom

Gestern abend gastierte Christoph Biermann in der Wiener Stadtbücherei am Gürtel. Eingeladen vom Ballesterer FM stand der Fußball-Guru Rede und Antwort, paraphrasierte dabei oft sein Buch „Die Fußball-Matrix“, suchte aber auch Antworten auf österreichische Fragen.

Ich muss zugeben, dass Buch von Herrn Biermann hat mich gefesselt. Es war nicht alles neu, aber auch nichts alt. Es war nicht alles anregend, aber vieles erregend. Es war (meiner Meinung nach) nicht alles richtig, aber auch nichts falsch. Ein Büchlein, dass es zur Fußball-Bibel schaffen kann, obwohl: Es ist nicht der Weisheit letzter Schluss, aber das hat Herr Biermann auch gerne zugegeben. Immerhin, es liefert Antworten auf die elementaren Fragen des Fußballs:

David gegen Goliath
Mai 1960. Ein für Viele perfektes Spiel. 7:3 endet es zugunsten Real Madrids gegen die Frankfurter Eintracht. Damit beginnt der Abend, damit veranschaulicht der Gast das Streben nach Perfektion. Was 1960 nämlich perfekt anmuten konnte, scheint heute lange vergessen. Derzeit markiert Barcelona CF die ultimative Fußballkunst, performt präzises Kurzpassspiel, effektive Offensiv-Verteidigung und die optimale Raumdeckung. Jeder Spieler steht für technische Reife, mentale Höchstleistung und den Drang nach Erfolg. In einer Zeit der zunehmenden Verwissenschaftlichung und Digitalisierung des Sports sprechen in diesem Fall auch die nackten Zahlen für sich. Der David bleibt selten siegreich. Er prägt sich jedoch wie ein Stempel ins Gedächtnis, sollte er gewinnen. Zum Beispiel Rubin Kazan. Ausnahmen überraschen und bleiben damit im Gedächtnis. Eine logische Erklärung für ein altes Klischee.

Fußball teilt sich je nach Herangehensweise dialektisch: Es gibt den Fußball der Produktionsmittel und den Fußball des Wissens. Geld gegen Finesse also. Der britische Geist, der „Spirit“ tritt zu Tage. Wir verteidigen mit Härte, stehen mit elf Mann im und am Sechzehner. Jeder Zweikampf wird zum physischen Kampf auf Biegen und Brechen. Mit aller Macht und aller Kraft stellen wir uns der Übermacht. Der Verteidiger erhält den Ball, der Captain schreit zum Angriff. Die Reihen der Meinen stürmen nach vorne, überrennen den Gegner. Der Ball wird vom Sechzehner nach vorne gedroschen. Der Stürmer, er wartet, übernimmt den Ball mit Gefühl, bekommt ihn auf den Fuß und schießt. Langsam dreht sich die Kugel Richtung rechter Ecke, der Torwart bleibt ohne jede Chance. Sieg. Ein 1:0. Frenetischer Jubel auf den Tribünen, Schreie des Kampfes und der Erleichterung. David hat gesiegt.


Österreich: Die homogene Variante
In Österreich hingegen fehlen die Produktionsmittel und das Wissen. Ausgereifte Scouting-Systeme vermisst man ebenso wie protzige Sponsoren und Magnaten – außer Red Bull. Aber wie kann Erfolg in Salzburg gemessen werden? Dieses Jahr in der Europa League, ansonsten gegen Vereine mit wenig Geld, mäßiger Jugendarbeit, komplexen Strukturen, ohne Produktionsmittel und Wissen eben. Digitale Mittel fehlen. Die Wissenschaft nähert sich eher stiefmütterlich. Aufwändige Scouting-Arbeit kommt zu teuer. Was bleibt, sind die alten Videokassetten. Stars? Fehlanzeige. Ein Land der Trainerfüchse also? Vielleicht. So richtig kann die Frage niemand beantworten. Einzig die Erkenntnis, dass Österreich sich die Stars eigeninitiativ entwickeln soll, um zu überleben.

„Nicht alle Wege führen nach Rom, aber viele“ (Johannes Uhlig im Zuge der Diskussion). Digitale Daten sind wertvolle Ressourcen, die genützt werden können, um das Niveau zu steigern. Spielanalysen greifen in den psycho-sozialen Bereich, bieten Zusatzinformationen und erweitern das Spektrum. Die taktisch-methodischen Fragen bleiben unbeantwortet: Wie lernen Trainer daraus? Wie lehren Trainer das erworbene Wissen? Unbeantwortet in dem Sinne, dass die universale Antwort nicht existiert. Jeder Spieler braucht individuelle Aufmerksamkeit und optimal zugeschnittene Methoden der Umsetzung. Die Perfektion erhält der Spieler auf einer sozialen,  kommunikativen, technischen, konditionellen, physischen, psychischen, mentalen, interaktiven, auditiven, visuellen und räumlich-denkenden (!!!; dreidimensionales Denken als Grundvoraussetzung) Ebene.

Digitale Daten
Eine statistische Auswertung eines Spiels bringt zwischen dreißig und vierzig Seiten an Zahlen -  prozentuale Verteilungen und absolute Werte. Darin werden Laufwege, Pässe etc. mathematisch konstruiert. Der richtige Umgang ergibt sich aus jahrelanger Routine. Welche Zahlen nämlich wirklich aussagekräftig sind, erkennt der Laie nicht, sondern nur der versierte Fachmann. Werden Eindrücke überprüft und kontrolliert, vergleicht man Spieler, wie haben wir auf Spielsituationen reagiert usw. Man kann viel herauslesen, aber auch viel überlesen. Einzig die Tatsache, dass die Daten nur in der Ganzheitlichkeit wirklich aussagekräftig sind, bleibt bestehen.

EURO 08. Russland spielt gegen Holland. Die Spieler der Sbornaja versuchen den Ball kontrolliert in den eigenen Reihen zu halten. Riskante Pässe werden vermieden. Der Spielaufbau erfolgt langsam, das Verschieben der Reihen ebenso. Dem System scheint Bewegung zu fehlen. Trotz allem mehr Spielanteile für die Russen. Ein Ballverlust bedeutet immer Gefahr, immerhin geht es gegen die spielstarken Oranjes. Das Konzept scheint zu funktionieren. Wenige Tage später. Dieselbe Sbornaja spielt gegen Spanien. Die Aufzeichnungen zeigen eine hohe Laufbereitschaft, aber nur wenig Ballbesitz. Die Zahlen drehen sich. Die Spanier spielen ballsicher, lassen Ball und Gegner gezielt laufen. Nie droht der Kontrollverlust. Die Erkenntnis: Viel laufen kann auch viel hinterherlaufen bedeuten. Klischees wie Ballbesitz = Sieg oder Mehr laufen = Sieg sind widerlegt. Ein für alle mal.

Die Suche nach dem perfekten Training
Training im Kollektiv, in Kleingruppen und individuell. Die möglichen Alternativen, die in einer optimalen Ausgewogenheit zumindest den Erfolg versprechen. Alle Möglichkeiten müssen ausgelotet werden, alle Daten gesammelt werden. Herrscht in Österreich noch der ergebnisorientierte Fußball, sind in anderen Ländern die Siege und Niederlagen eher sekundär. Die Arbeit zählt, das Vorwärtskommen muss sichtbar sein. Man muss selbst Goliath sein, nicht David. Stärke, Kampf und Leidenschaft sind die Marschrouten. Regionale Spielkulturen dominieren, der langfristige Erfolg ist der Kern der Trainerarbeit. Die Mentalität rückt ins Zentrum.

Die Satanische Drei-Punkte-Regel
Es werden immer weniger Tore geschossen. Christoph Biermann reduzierte diese Tatsache auf die Einführung der Drei-Punkte-Regel. Geht eine Mannschaft in Führung, will sie diese mit allen Mitteln verteidigen, riskiert im Offensivspiel weniger und dadurch fallen weniger Tore. Klingt plausibel, reicht aber nicht aus. Die Digitalisierung und Verwissenschaftlichung zeigt nämlich eines: Die Leistungsdichte nimmt zu. Hochleistungssport bewirkt eine Annäherung der potentiellen Leistung. Alle Spieler sind ähnlich stark.
Das Defensivspiel sei außerdem leichter erlernbar, eine weitere Aussage des Fachmanns. Auch da muss ich widersprechen. Die Abwehr ist immer nur so gut, wie der gegnerische Angriff schlecht ist – ein Nullsummenspiel. Gegen schwächere Teams lässt sich leichter verteidigen, als gegen hervorragende. Taktik, Strategie, physischer und psychischer Zustand, optimale Kommunikation. Punkte, die die Stärke einer Mannschaft veranschaulichen. Die verallgemeinernde Meinung, Defensive ließe sich leichter erlernen, ist damit passé. Weil Defensive nur insofern pauschalisiert trivialer sein kann, dass sie stets hauptsächlich Reaktion erfordert. Aktion steht hintan. In der Offensive braucht es beides.

Ausblick
Der Fußball steht vor einer Revolution. Digitalisierung und Verwissenschaftlichung sind die Trends der Stunde. Dadurch wird die Leistungsdichte weiter steigen. Tore werden seltener. Die FIFA muss hier gegenwirken. Vorschläge des gestrigen Abends:

Ein Spieler weniger pro Team, um mehr Räume zu schaffen
Rückkehr zur Zwei-Punkte-Regel, um wieder mehr Risiko zu forcieren
Meine Idee: Die Tore auf den Fünfer vorzustellen, um Räume hinter den Toren zu schaffen. Dadurch wird das Feld kleiner, was mit einem Feldspieler weniger ausgeglichen wird. Das Spiel hinter dem Tor schafft mehr taktische Möglichkeiten, schnellere Spielverlagerungen, dynamischere Reihen und kombinationsreicheres Kleingruppenspiel. Der Fünfer als Torwartraum wird beseitigt, was sein Agieren ändert. Weniger Abbrüche der Spielsituationen. Der Elfmeterpunkt wird an die Strafraumgrenze verlegt. Allerdings mit Vorbehalt: Diese Idee dient nur der Forderung nach mehr Toren, nicht nach einem neuen Spiel.
Resumee
Der Abend lieferte Antworten, aber vielmehr noch Fragen. Zugleich wurden die Buchinhalte vermittelt.

 

Diagnostikblog, 6. 1. 2010

Die Fußball-Matrix
von Olaf

Ich habe ein sehr interessantes Buch über Fußball gelesen, das sowohl Fans des Sports als auch Statistikinteressierte begeistern kann: „Die Fußball-Matrix“ von Christoph Biermann. Der Autor ist einer der renommiertesten deutschen Fußballjournalisten. Seine Artikel und Bücher sind stets gleichermaßen unterhaltsam wie informativ. Biermann ist ein echter Fußballverrückter, aber auch ein Intellektueller, der verstehen und beschreiben will, wie diese Sportart funktioniert. In seinem aktuellen Buch schildert er die unterschiedlichen Bemühungen, Fußball mit wissenschaftlichen Methoden zu perfektionieren. Biermann ist durch ganz Europa gereist, hat mit Trainern und Wissenschaftlern gesprochen und verschiedene Vereine besucht (zum Beispiel das berühmte Trainingszentrum des AC Milan).
Er beschreibt, dass es in anderen Sportarten – insbesondere im Basketball und Baseball, aber auch im Hockey und American Football – schon seit Langem üblich ist, die Leistung von Spielern und Teams mit statistischen Methoden auszuwerten. Im Fußball fangen die großen Vereine gerade erst an, Spieler etwa vor dem Einkauf nach objektiven Kriterien zu bewerten.
Insgesamt bekommt man den Eindruck, dass es mit der Professionalität im deutschen Fußball nicht weit her ist. Vor allem, wenn man bedenkt, um welche wirtschaftlichen Dimensionen es im Fußball heutzutage geht.
Dass es in der Bundesliga im Vergleich zu England, Italien, aber auch Spanien und den USA recht provinziell zugeht, ist übrigens mein subjektiver Eindruck nach der Lektüre des Buches; Christoph Biermann hält sich mit einer Bewertung vornehm zurück – er lobt eher die wenigen positiven Ansätze (etwa in Hoffenheim).

Mentaltrainer
Mehr noch hat mich ein anderes Phänomen des Buchs von Biermann beeindruckt: Auch wenn die Bemühungen, die Trainingsmethoden zu optimieren und die Leistungsfähigkeit der potenziellen Neuzugänge objektiv zu bewerten, heute teilweise recht ausgefeilt sind, so bleibt der psychologische Aspekt seltsam unbeachtet. Zwar haben die meisten Vereine heute einen Mentaltrainer, der den Spielern dabei hilft, geistige Blockaden zu lösen und ihnen als Ansprechpartner bei persönlichen Problemen zur Verfügung steht. Aber bei der Auswahl von Spielern sind psychologische Aspekte offenbar nebensächlich.

Training oder Auswahl?!
Das erinnert mich an die Zeit, als man in der Wirtschaftswelt glaubte, dass „Führung“ etwas sei, was sich lernen ließe. Heute hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich durch Trainings, Seminare und Coachings das Verhalten von Führungskräften nur in gewissen Grenzen verändern lässt. Es ist ein Irrglaube, dass sich mithilfe des passenden Trainings – so hilfreich es ist – jeder dafür eignet. 30 Jahre Forschung haben gezeigt: Es gibt fundamentale Persönlichkeitsmerkmale und individuelle Fähigkeiten, die gute von schlechten Führungskräften unterscheiden – und die meisten dieser Merkmale sind nur begrenzt veränderbar. In vielen Unternehmen gilt deshalb bei der Suche nach guten Führungskräften heute folgendes Prinzip: 80 Prozent ist Auswahl, 20 Prozent Entwicklung.
Bezogen auf die psychologischen Aspekte im Fußball heißt das: Ein Mentaltrainer gehört sicherlich heute zu Recht genau so selbstverständlich zum Betreuerteam wie ein Physiotherapeut – aber auch bei der Auswahl von Fußballprofis sollten psychologische Aspekte eine zentrale Rolle spielen.

Diagnostik von Fußballprofis
Die Anforderungen an Fußballspieler und die an Führungskräfte sind sicherlich völlig andere. Dennoch will ich versuchen, die Prinzipien der Management-Diagnostik auf die Auswahl von Fußballprofis zu übertragen:

Intelligenz
Ich habe an anderer Stelle berichtet, dass Intelligenz für unterschiedlichste Aufgaben ein sehr guter Prädikator der Leistungsfähigkeit ist. Ohne ihnen zu nahe treten zu wollen: Ich glaube nicht, dass das für Fußballprofis gilt (obwohl von César Luis Menotti der Satz überliefert ist: „Ich möchte nur intelligente Spieler in meiner Mannschaft haben“). Was ein Fußballspieler benötigt, ist allenfalls eine gewisse „Spielintelligenz“ – das heißt, er muss intuitiv entscheiden können, wie er in einer bestimmten Situation reagiert. Ich vermute jedoch, dass Trainer und Sportdirektoren die Spielintelligenz gut beurteilen können und die Ergebnisse eines Intelligenztests bei der Suche nach dem nächsten Messi nicht hilfreich sind.

Körperliche Leistungsdaten
Was Intelligenz für den Erfolg von Führungskräften bedeutet, ist körperliche Leistungsfähigkeit bei Fußballspielern. Sprintstärke, Ausdauer, Schusskraft, Tor- und Zweikampfquote etc. sind hochverlässliche Indikatoren für die Leistungsfähigkeit auf dem Platz. Christoph Biermann beschreibt in seinem Buch, wie aufwendig die meisten Vereine diese Parameter heutzutrage bei Spielerkäufen auswerten. Insofern ist die Auswahl schon wesentlich professioneller als vor einigen Jahren, als man sich bei der Neuverpflichtung von Spielern auf subjektive Eindrücke von Talentscouts und Videokassetten mit Zusammenschnitten einiger Spielszenen verließ.

Persönlichkeit
Die Persönlichkeit spielt sicherlich eine ebenso große Rolle dabei, ob ein Fußballspieler erfolgreich ist oder nicht. Ich glaube, dass sich die Erkenntnisse aus der Management-Diagnostik weitgehend auf den Profifußball übertragen lassen:

Motivation. Ähnlich wie bei Führungskräften ist die Leistungsfähigkeit ein Produkt aus Können und Wollen (die griffige Formel „L=K*W“ hat mein Doktorvater Werner Sarges geprägt). Fast alle Fußballbundesligavereine können ein Lied davon singen, dass sich großartige Spieler nach dem Kauf als unmotiviert herausstellen. Ich bin mir sicher, dass man den Großteil solcher Fehleinkäufe durch psychodiagnostische Methoden hätte verhindern können.
Soziale Fähigkeiten. Ähnlich wie in der Wirtschaft geht es im Fußball darum, unterschiedliche, teilweise recht individualistische Interessen in einem Team zusammenzuführen und auf ein gemeinsames Ziel hin auszurichten. Wie in Unternehmen gibt es in Mannschaften verschiedene Persönlichkeitstypen – und von allen Teammitgliedern wird ein bestimmtes Mindestmaß an sozialen Fähigkeiten erwartet. Darüber hinaus sollte es bei einigen erkennbares Führungspotenzial geben. Der Trainer ist nicht die einzige Führungskraft einer Fußballmannschaft – auch einige Spieler müssen Führungsaufgaben übernehmen. Gibt es insgesamt zu wenig Führungspotenzial in der Mannschaft, dann wird das Team nicht seine optimale Leistung erbringen können.
Zusammenfassung
Entscheidend für die Leistungsfähigkeit eines Fußballspielers sind:

seine körperlichen und spielerischen Fähigkeiten,
seine Motivation,
seine sozialen Fähigkeiten.
Während der erste Aspekt bei Spielerkäufen ausführlich untersucht und bewertet wird, werden die letzten beiden Faktoren nicht systematisch, sondern nur aus dem Bauch heraus eingeschätzt. Ich vermute, dass man mit einer sinnvollen und systematischen psychologischen Diagnostik von Fußballspielern die Trefferquote bei Neuverpflichtungen drastisch verbessern könnte.
Vielleicht liest ja jemand aus dem Management eines Fußballvereins diesen Beitrag?!

 

Kölner Stadt-Anzeiger, 1.12.2009

Annäherung an den Kern des Spiels

Christoph Biermann sucht neue Antworten auf die alte Frage nach der Erfolgsformel

Alles Wissen über Fußball ist falsch. Sagt Roland Loy, ein Fußball-Statistiker, der sich in einen Rausch analysiert hat. Ergebnis: Wissen darf man das, was alle über Fußball zu kennen glauben, nicht nennen. Meinung trifft es besser. Der Fußball ist für Loy voll von Meinungen. Meinungen voller Unwissen. Und Unsinn. Nachdem Loy also alle 16 730 Tore untersucht hat, die zwischen der Saison 1989/ 1990 und der von 2007/2008 in der Bundesliga gefallen sind, steht fest: Doppelpässe sind nicht so wichtig - Torquote: 0,9 Prozent; Flügelspiel auch nicht; wer die meisten Zweikämpfe gewinnt: egal. Loys Erkenntnis, wonach wir "Lichtjahre davon entfernt sind, zu verstehen, wie der Fußball funktioniert", ist der Ausgangspunkt für eine weitergehende Darstellung des Fußballs. Der Kölner Autor Christoph Biermann hat sich daran versucht - und eine interessante Sammlung allerneuester Erkenntnisse erstellt. Sein Buch "Die Fußball-Matrix. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel" ist 244 Seiten dick. Es sind 244 Seiten, die eine Annäherung zum Kern des Spiels beschreiben.

Biermann teilt ausdrücklich Loys Eingebungen. Er zitiert sie sogar ausführlich. Die Idee des Fußballs, schreibt nun Biermann, "bleibt unschlagbar einfach, zugleich aber sind seine Möglichkeiten komplex und unerschöpflich". Er sucht schlicht "smartere Antworten" darauf, wie Erfolg oder Misserfolg zustande kommen. Mit den tradierten Meinungen kann er nichts anfangen. Das ist die Wirkung, die von Loy ausgeht.

Biermann war im MilanLab, dem inneren Zirkel des AC Mailand, er stellt Mathematiker vor, die sich an Erfolgsformeln versuchen. Er beschreibt Rechenfabriken des Fußballs, stellt die digitalisierte Welt der Datensammler von hochmodernen Analyseverfahren vor, deren Basis Erkenntnisse von Wärmekameras sind, die in sechs Bundesliga-Stadien installiert sind. Damit kann jede Bewegung eines Spielers digital erfasst werden. Und wer will, etwa als Trainer, kann daraus natürlich seine eigene Methode ableiten. All das sind Beispiele - und sie formen Biermanns Botschaft: Es gibt nicht eine einzige Antwort auf die Frage nach dem Erfolg. Es gibt mehrere. Jeder sucht heraus, was für ihn passt. Fazit: "Fußball bleibt auch unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System mit der Neigung zur Instabilität und Chaos." Das ist Biermanns vorletzter Satz. Er klingt frustrierter als er ist.

Er ist auch versöhnlich. (skl)

 

 

die tageszeitung, 14.12.2009

Die Charts
Rainald Goetz und der Satz des Jahres
KOLUMNE VON PETER UNFRIED

Charts 2009: Maxim Biller (Der gebrauchte Jude), FC Barcelona (Champions-League-Sieger), Daniel Cohn-Bendit (Europawahlsieger), Larry David (Whatever works, Curb Your Enthusiasm), Edin Dzeko (Weltklassefußball), Michael Haneke (Das weiße Band), Thomas Pynchon (Inherent Vice), Simone Thomalla (Tatort) und Harald Welzer/Claus Leggewie (Das Ende der Welt, wie wir sie kannten) sind ja wohl weltweit gesetzt. Hier sind meine zusätzlichen Favoriten.

Buch: Rainald Goetz - Loslabern. Eine Hitsingle, in der er losfeuert, dass es brodelt und kracht, gegen diesen ganzen Irrsinn des deutschen Feuilletons und den abartigen Opportunismus allenthalben. Aber dabei schon auch schaut, dass er jeden "wichtigen" Literaturredakteur oder Feuilletonmächtigen erwähnt. Aber Goetz und die Zeitungen: eine große Liebe. Daher das Leid. Mal abgesehen von gut gemeintem "Was ist links"-Geschnarche; ein Haufen großartiger Sätze zum Unterstreichen. Z.B.: "Atlantis is calling S.O.S. for Love."


Buch: Joachim Lottmann - Der Geldkomplex. Der Journalist ist bisweilen eine arme, aufgeblasene, selbstgefällige, selbstfixierte Egowurst. Und wenn dann noch Digitalisierung und andere Unannehmlichkeiten passieren: Oh je. Wäre ich Felicitas von Lovenberg, würde ich schreiben: "Lottmann hat in der Krise beschwingt eine Rakete namens Neue Popliteratur ins 21. Jahrhundert geschossen oder so".Und würde KiWi das Buch in einer gerechten Welt bewerben, stünde das dann in der Anzeige. Musik: Bernd Begemann - Ich erkläre diese Krise für beendet. Diese Welt hatte eine Mädchenkrise. Was für eine. Dann kam Begemann und beendete sie. Mit dem Song: "Die neuen Mädchen sind da". Das war noch vor Kristina Köhler. Ein Album für heitere, progressive Erwachsene.

 
Buch: Stefan Thome - Grenzgang. Debüt mit ausbaufähigem Stil, aber großem Inhalt. Jedenfalls für einen Mitvierziger. Nämlich: Privatistische Mitvierziger in der Provinz müssen mit dem leben, was übrig ist. Er - beruflich und auch sonst gescheitert, sie - gegen eine Jüngere ausgetauscht. Klingt bitterer, als es ist. Wie mein Schwiegervater immer sagt: "Hauptsache, gesund."

Film/DVD: Der Knochenmann. Verfilmung von Wolf Haas zweitem Brenner-Roman. Mit Josef Hader. Was soll man mehr sagen? Vielleicht dies: Neben allem anderen ist das ein Film, der den Lebensstil verändern kann. Wer Bierbichler und Minichmayr Hühner und andere Exlebewesen zerhacken sieht, hält Vegetariertum für etwas Begehrenswertes.

Musik: Tele - Jedes Tier. Deutscher Post-Diskurs-Pop. Sehr, sehr lässig. Fast groovy.

Fußball: VfL Wolfsburg im Frühjahr 2009. Gegen 1899 Hoffenheim 4:0, gegen BVB 3:0, bei Hannover 96 5:0, gegen Werder Bremen 5:1. Zwetschge, Dzeko, Grafite, bumm, bumm, bumm. Wo hat man denn vorher (und nachher) so einen Fußball gesehen? In Wolfsburg jedenfalls nicht.

Buch: Christoph Biermann - Die Fußball-Matrix. Der Verfachlichung der Fußballbranche folgt die maximale Verfachlichung der Fußball-Literatur. Wer sich wirklich für Fußball interessiert, der braucht dieses Buch.

Buch: Joseph von Westphalen - Aus dem Leben eines Lohnschreibers. Der prätentiöse Irrsinn des Medienbetriebs aus der Sicht eines Autors, der auch vom Irrsinn lebt, aber nicht selbst durchdreht. Nicht mal, als der Cicero-Redakteur ihm das Wort "Dichotomie" in eine Glosse reinredigiert. (Brutal!)

Satz des Jahres: "Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen" (Eberhard Plümpe).

 

 

Kölner Stadt-Anzeiger, 9.12.2009

Tiefe Verwirrung
Von Frank Nägele

Die Vorzeichen standen schlecht: Unausgewogener Kader, fehlendes Selbstvertrauen, nicht vorhandene Spielkultur, Außendarstellung des Trainers. Nichts passte vor dem Endspiel in Turin zusammen. Dann folgte eine hinreißende Leistung.
 
Glückliche junge Männer in Bayern-Trikots versuchen, ihrer Freude Ausdruck zu verleihen. (Bild: dpa)
 
Glückliche junge Männer in Bayern-Trikots versuchen, ihrer Freude Ausdruck zu verleihen. (Bild: dpa)Der Kölner Journalist Christoph Biermann hat in diesem zu Ende gehenden Jahr versucht, den genetischen Code der weltweit populärsten Sportart zu entschlüsseln und Muster für Erfolg und Schönheit des Spiels zu finden. Das Ergebnis („Die Fußball-Matrix“) ist vor allem ein schönes Dokument des Scheiterns. Das Verhältnis des Liebenden zum Fußball ist dasselbe wie jenes zum anderen Geschlecht. Gerade, wenn er glaubt, die Sache auf eine Weise berechnen und steuern zu können, die ihn vor Überraschungen schützt, begegnet er Phänomenen, die ihn in tiefe Verwirrung stürzen. So wie dem Spiel des FC Bayern bei Juventus Turin.
Eine tief verunsicherte Gruppe Münchner Profis mit einem nicht wirklich integrierten niederländischen Fußball-Lehrer war mit dem Auftrag abgereist, durch einen Sieg beim zu Hause unschlagbaren italienischen Rekordmeister Juventus Turin den Verbleib in der Champions League zu sichern. Kein Mensch glaubte an das Gelingen des Unternehmens, denn die beiden Siege über die Bundesliga-Durchschnittsteams Hannover und Mönchengladbach konnten kein Indikator gewesen sein für die Behebung der grundlegenden Münchner Probleme: Unausgewogener Kader, fehlendes Selbstvertrauen, nicht vorhandene Spielkultur, Außendarstellung des Trainers. Dann folgte eine hinreißende Leistung. Eines der abgezocktesten Teams Europas wurde mit Entschlossenheit, Witz und Leidenschaft aus dem eigenen Stadion gefegt. Bayern steht im Achtelfinale der Champions League. Deutschland staunt.

Aber schon am Tag danach kam das Problem: Der Auftrag, dieses Ereignis zu erklären. Was war da geschehen? Warum war es geschehen? Wird es sich wiederholen? Antworten sind ohne analytische Hochstapelei nicht möglich. Ja, die Rückkehr des Berserkers Ivica Olic, der alle anderen mit seinem Elan beseelt. Ja, der endlich funktionierende Teamgedanke, das neue Verständnis zwischen Louis van Gaal und dem Team. Oder die Berufung des auf den Außenpositionen früh gealterten Dauer-Nationalspielers Bastian Schweinsteiger ins Spielzentrum, wo er neben Kapitän Mark van Bommel zum kämpfenden Lenker eines zuvor von Zufällen gesteuerten Spiels zu werden scheint.

Das alles könnte sein. Oder auch nicht. Wer im Besitz gesicherter Erkenntnisse ist, möge sich melden. Uns liegen zur Stunde keine vor.

 

 

Torwort 3.12.2009

Ich fahre jeden Morgen circa eine Stunde zur Arbeit. Das kann manchmal ganz schön lang werden und da freut man sich, wenn das Radioprogramm gut und die Straße frei ist. Im Radio läuft bei mir überraschend oft 1Live. Ich mag das Programm eigentlich ganz gerne. Besonders gerne höre ich hin, wenn es um Fußball geht – denn der Fußball-Experte des Senders ist Christoph Biermann.
Schon mehrfach war Christoph unser Gast bei TORWORT und jedes Mal hat es irre Spaß gemacht mit ihm über Fußball zu sprechen. Ungefähr so viel Spaß macht sein neues Buch mit dem trefflichen Titel „Die Fußball Matrix. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel“. Ein herausragendes Buch über das Spiel selbst, das aufräumt mit Stammtisch-Parolen und Fußball-Halbwissen. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel hat Biermann mit Meistertrainer Felix Magath Fußball und Schach verglichen, ist in die Welt der Fußballdaten eingetaucht und hat das geheimnisvolle Laboratorium des AC Mailand besucht. Mit Lionel Messi hat er über Computerspiele gesprochen und einen Ökonom gefunden, der Fußball berechenbar machen will. In verschiedenen Kapiteln bringt uns Biermann einmal mehr den Fußball näher und wir ertappen uns dabei, dass wir bisher mehr eine Meinung hatten als dass wir tatsächlich etwas wussten. Und das obwohl wir fast täglich ein Spiel sehen.
Die Fußball-Matrix ist ein sehr bemerkenswertes Fußballbuch – vor allem weil es fundiert ist und kein Wissen vorgaukelt. Die Fußball Matrix ist Fußballwissen – eben weil es von Christoph Biermann ist. Ich habe es gerne gelesen und freue mich jetzt noch ein bisschen mehr – morgens im Auto, wenn der bevorstehende Bundesliga-Spieltag analysiert wird auf 1Live.

 

 

ARD Morgenmagazin, 9.12.2009

Der Beitrag findet sich hier:
http://www.daserste.de/moma/kulturbeitrag_dyn~uid,9jwnphitd7f1yzxd~cm.asp

   

Tagesspiegel, 15.11.2009

Öffentliche Diskussion
Biermann und Favre: Wie Fußball geht
Der Fußballbuch-Autor Christoph Biermann diskutiert in Berlin mit Herthas früherem Trainer Lucien Favre.
Von Mathias Klappenbach

 Berlin - Was genau hat Philipp Lahm eigentlich gemeint, als er bei seinem Klub FC Bayern München die fehlende Philosophie anmahnte? Nicht nur solche Fragen sind im heutigen Fußball von Bedeutung, das einfache und doch so unendlich komplexe Spiel wird zusehends digitalisiert und verwissenschaftlicht.

Wer ein Bild davon haben will, worum es Philipp Lahm tatsächlich geht, sollte das aktuelle Buch von Christoph Biermann gelesen haben. „Die Fußball-Matrix. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel“ bringt den Leser auf den Stand der Dinge über die Entwicklungen in der modernen Fußballwelt, nach der Lektüre kann er mit Fug und Recht behaupten, dass die Analytiker in der Bierrunde beim „Doppelpass“ doch gar nicht wissen, wovon sie reden.

Am Sonntagabend redet Christoph Biermann bei der „Szenischen Spielanalyse“ mit Gästen im Berliner Theater Hebbel am Ufer, auch Herthas ehemaliger Trainer Lucien Favre wird da sein. Favre wird als Mann aus der Praxis erläutern, was man mit den Unmengen von Daten der Spielbeobachtungssysteme in den Stadien eigentlich anfängt. Der Filmkritiker Peter Körte wird etwas zu Fußball und Medienberichterstattung sagen, die Publizistin Carolin Emcke kommt als lernbegieriger Fan, der wie immer mehr andere auch an Fußballwissen interessiert ist. Biermann war mit dem Buch zum Beispiel auch bei Stefan Raab.

Die Zahl der wirklich guten Bücher über Fußball ist überschaubar. Christoph Biermann hat in den vergangenen Jahren einige davon wie „Wenn Du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen“ oder „Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann“ geschrieben. Sie galten nach ihrem Erscheinen jeweils als das Beste, was es derzeit zum Thema gibt, und ebenso verhält es sich nun mit der „Fußball-Matrix“.

Völlig zu Recht. Biermann zeigt den Weg der Veränderung des Spiels durch die digitale Revolution auf. Er hat sich mit Lionel Messi getroffen, der an der Playstation immer seine eigene Figur auswählt und auf dem realen Spielfeld hinterher versucht, diese nachzuahmen. Dort ist Messi von den 90 Minuten 2 Minuten und 12 Sekunden lang am Ball. Ein fantastischer Wert – ein Bundesligastürmer hat den Ball durchschnittlich 45 bis 50 Sekunden pro Spiel. Auch das „Milan-Lab“, das hochmoderne Trainingszentrum des AC Mailand, hat Biermann besucht. Er erklärt, wie der 1. FC Köln mithilfe von studentischen Spielbeobachtern seinen Top-Verteidiger Pedro Geromel gefunden hat, führt mit Felix Magath ein lehrreiches Gespräch über Schach und Fußball und weiß, warum die Spanier die einzigen sind, die wirklich offensiv spielen.

Biermanns Buch zeigt auf, wie Erfolg wahrscheinlicher gemacht wird. Er stellt dem produktionsmittelbasierten Fußball der reicheren Klubs den entgegen, der über weniger Geld, aber einen Wissensvorsprung verfügt. Ein Thema, das auch für den FC Bayern sehr interessant ist.

 

Süddeutsche Zeitung, 13.10.2009

Der Plot jenseits der Tabellenplätze

Auf der Suche nach perfektem Spiel: Christoph Biermann will das letzte metaphysische Biotop trockenlegen: den Fußball Von Jens-Christian Rabe

 

Suchte man nach dem letzten unhinterfragten metaphysischen Biotop der Gegenwart, nach der großen Bühne, auf der täglich noch unwidersprochen dunkel geraunt und hemmungslos das überzeitlich Gültige, das ewig Wahre beschworen werden darf - nein, nein, man landete nicht im Vatikan. Den weht schließlich längst von allen Seiten der raue Wind des Zweifels an. Man landete natürlich auf dem Fußballplatz.

Wer die meisten Zweikämpfe gewinne, gewinne das Spiel, hörte man dann da, und wer am häufigsten in Ballbesitz sei, habe den größten Erfolg. Wer seine Torchancen am konsequentesten nutze, stehe am Ende ganz oben und außerdem gebe es selbstverständlich einen psychologisch günstigen Zeitpunkt, um ein Tor zu erzielen. Mannschaften seien besonders in Gefahr, ein Gegentor zu kassieren, wenn sie selbst eben erst ein Tor erzielt hätten und Stürmer hätten nun einmal so etwas wie Glückssträhnen - oder eben nicht.

Wäre etwas richtiger, je häufiger es gesagt würde - Fußballreporter, Funktionäre, Trainer und Spieler, insbesondere die, die im deutschen Fernsehen auftreten, wären längst Propheten.

Der Kölner Autor Christoph Biermann, der spätestens seit seinem 1999 erschienenen (und gemeinsam mit Ulrich Fuchs verfassten) Buch "Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann - Wie moderner Fußball funktioniert" zu den angesehensten Sportjournalisten des Landes zählt, hat sich nun eindrucksvoll daran gemacht, dem Unfug Einhalt zu gebieten. Man muss sein neues Buch "Die Fußball-<> - Auf der Suche nach dem perfekten Spiel" als Versuch lesen, das metaphysische Biotop Fußball trockenzulegen. Mit aller Liebe zum Gegenstand zwar, aber gründlich. Als eigenhändig tüftelnden Forscher darf man sich Biermann dabei allerdings nicht vorstellen. Vielmehr als umsichtigen und gewandten Erzähler und so unermüdlichen wie klugen und kritischen Sammler von Informanten und Informationen.

Bei der Widerlegung etwa der schon genannten Mythen des Spiels, beruft er sich auf Roland Loy. Der Münchner Sportwissenschaftler wertete 3000 Fußballbegegnungen aus, um den Weisheiten einmal systematisch auf den Grund zu gehen und kam zu verblüffenden Erkenntnissen. 60 Prozent aller Spiele gewinnen demnach nicht die Teams mit der besseren, sondern die mit der schlechteren Zweikampfbilanz. Auch ein längerer Ballbesitz muss nicht zwangsläufig spielentscheidend sein. Nur ein Drittel der Mannschaften, die während eines Spiels häufiger am Ball sind, gehen am Ende auch als Sieger vom Platz. Ebenso wenig gibt es wohl so etwas wie einen psychologisch günstigen Zeitpunkt für ein Tor. Britische Psychologen, so Biermann, die gut 350 Spiele der englischen Premier League ausgewertet haben, konnten beweisen, dass es für die Siegwahrscheinlichkeit keine Rolle spielt, ob man nun kurz vor der Pause trifft (dem vielbesungenen richtigen, weil den Gegner vermeintlich schwer demoralisierenden Moment) oder gleich zu Beginn der ersten Halbzeit. Genauso wenig ist ein Team nach einem Torerfolg - im Taumel des Glücks - anfälliger für ein direktes Gegentor. Ganz zu schweigen davon, dass ein Spieler, der in einem Spiel ein Tor erzielte, dies nicht mit höherer Wahrscheinlichkeit auch im folgenden tun wird.

Noch lieber liest man all dies zudem, weil man ganz nebenbei auch noch erfährt, dass Loy nicht nur schon bei der Weltmeisterschaft 1990 sportlicher Berater des damaligen Teamchefs und oberweisen Platitüdenkönigs Franz Beckenbauer war, sondern heute auch Berater der ZDF-Sportredaktionen bei Länderspielen und großen Turnieren ist. Wenn man <> glauben darf, dann leidet der streitbare Aufklärer bei diesen Anlässen, bei denen er die Moderatoren und Experten vor der Kamera mit Detailinformationen beliefert, nicht selten wie ein geprügelter Hund.

Wo die Messlatte für ein Buch wie die "Fussball-Matrix" liegt, wird natürlich trotz aller theoretischer Zurückhaltung nicht verschwiegen. Zum Glück. Denn es zeigt vor allem die Möglichkeiten, die in der kontrollierten Erforschung des Spiels stecken könnten. Die Messlatte ist das 2003 erschienene Buch "Moneyball" des amerikanischen Journalisten Michael Lewis. Es gilt als einflussreichstes Sportbuch, das bislang geschrieben wurde, weil es nachhaltig eine ganze Sportart veränderte: den Baseball.

Lewis hatte monatelang Billy Beane begleitet, den General Manager der Oakland Athletics, eines populären, aber erfolglosen amerikanischen Profi-Baseballteams. Beane wiederum hatte sich als erster dazu entschlossen Erkenntnisse des extrem fleißigen und kreativen, aber von den Verantwortlichen der Teams konsequent missachteten Baseball-Statistikers Bill James ernstzunehmen. Lewis beschrieb schließlich in seinem Buch nicht nur, "auf welche neue Weise Beane die Auswahl seiner Spieler betrieb. Er konnte auch davon berichten, dass sie in den Spielen selbst anders eingesetzt wurden als zuvor. So dämmerte es allen Managern, Trainern und Scouts, dass es wohl an der Zeit war, althergebrachte Wahrheiten über Bord zu werfen, die offensichtlich keine mehr waren. Der nach Football populärste Sport in den USA trat in eine neue Ära ein, in der neben sentimentalen Momenten im sommerlichen Ballpark auch Computerprogramme eine Bedeutung hatten". Und alles nur, weil ein Neugieriger wissen wollte, was nun wirklich ausschlaggebend für den Erfolg im Baseball ist und deshalb darauf kam, dass Schlagmänner, die den Ball nicht aufsehenerregend aus dem Stadion donnerten, dramatisch unterschätzt würden.

Eine ähnlich spektakuläre Entwicklung ist in Deutschland vorerst wohl leider nicht zu erwarten. Gegenüber amerikanischen Baseball-Statistiken verhalten sich insbesondere deutsche Fußball-Statistiken schließlich noch immer wie, sagen wir, ein Müllberg zum K2. Aus Mannschaftsaufstellungen, Auswechslungen, Verwarnungen, Platzverweisen, Torschützen und Zuschauerzahlen lässt sich keine grundstürzende Theorie des Fussballs destillieren.

Aber es ist eine der wunderbaren Überraschungen des Buches, dass Biermann vielversprechende Ansätze einer solchen Theorie dort findet, wo man sie vielleicht nicht unbedingt vermuten würde: im Wettbüro. So reiste er nicht nur zu den bekannten Laboratorien der berühmten Clubs und sprach mit den festangestellten Trainern, Medizinern, Analytikern und Computersoftware-Entwicklern, sondern besuchte auch einen Mann, in dessen Londoner Firmenzentrale, der sich Jim Towers nennt. Der ehemalige Börsenspekulant und nun außergewöhnlich erfolgreiche Fussballwetter hält das, was die Fussball-Öffentlichkeit für wichtig hält für völlig unwichtig. Um die Form einer Mannschaft zu bewerten, so Biermann, benutze Towers vor allem einen Dienst, der ihm kontiniuerlich Live-Informationen darüber liefert, ob es bei einem Spiel kleinere, mittlere, größere oder riesengroße Torchancen gegeben hat. Für Außenstehende mag das sehr selbstverständlich klingen. Tatsächlich interessiert sich die Mehrheit der Meute nach wie vor nur für Siegesserien, Tabellenplätze und dafür, ob ein Team gerade ausgeruht oder belastet ist. Towers ist im Grunde sogar das Ergebnis eines Spiels egal. Zu wenig aussagekräftig.

Es dürfte sehr spannend sein, zu beobachten, was aus der "Fußball-Matrix" wird. Ein Buch, dass radikaler und zugleich zugänglicher, eleganter für eine vollkommen neue Sichtweise des populärsten Sports der Welt plädiert, hat es noch nicht gegeben. Am wahrscheinlichsten dürfte sein, dass es einen gewissen Einfluss auf das Schreiben und Nachdenken über den Sport in den anspruchsvolleren Zeitungen und Zeitschriften hat. Not täte es. Denn selbst dort, wo anderes möglich wäre, liest man in der Regel banale Mutmaßungen und arge Kurzschlüsse. Die Geschichte eines Spiels wird meist zwar mit vielen Protagonisten erzählt, aber ohne ein tieferes Verständnis des Plots, der Zusammenhänge.

Wem bei alldem das unvorhersehbare Moment des Fußballs zu kurz kommt, dem dürfte der Schluss gefallen. Natürlich, so Biermann, bliebe das Spiel "ein System mit Neigung zur Instabilität". Aber natürlich ist es kein Zufall, das genau hier, im allerletzten kurzen Absatz, von Wahrheit keine Rede mehr ist.

Also: Man tut das ja eigentlich nicht, Bücher verschreiben. Aber diesmal muss es sein, ausnahmsweise: Wer sich wirklich für Fußball interessiert, der möge dieses großartige Buch lesen. Und alle anderen ebenso. Man entkommt dem Sport ja nicht in diesem Land. Wer allerdings auch noch im Fernsehen über Fußball sprechen muss, der lese es zweimal, nein, besser: dreimal. Und dann nochmal von vorne. Bitte!

 

Thadeusz, 8.9.2009

Download der Sendung als Podcast hier:
http://www.rbb-online.de/thadeusz/podcast/thadeusz_podcast.html

   

11 Freunde, September 2009

Verzichten wir mal auf Superlative, wir sind ja schließlich nicht der DSF-Supersonntag. Und trotzdem muss man ganz ohne Übertreibung sagen: Christoph Biermann hat ein höchst erstaunliches Buch geschrieben, über die Raumordnung auf dem Platz, über den Einfluss der Wissenschaft
auf den Fußball, über vermeidbare Fehler bei Spielertransfers, kurzum: über die fußballerische Moderne.
Nun tobt ja schon seit Jahren ein merkwürdiger Richtungsstreit, nicht nur im deutschen Fußball. Auf der einen Seite die Traditionalisten mit ihren Helden Magath, Heynckes & Co, die schon den obligatorischen Laktattest für pseudowissenschaftlichen Hokuspokus halten, auf der anderen die Modernisierer, die nahezu manisch nach bislang noch nicht erforschten und abgerufenen Potentialen in Hirn und Körper der Fußballer fahnden und das Spiel für vollends wissenschaftlich beherrschbar halten. Christoph Biermann hält in diesem leicht bizarren Kulturkampf gekonnt die Äquidistanz zu den Traditionalisten wie auch zu den Apologeten der Fußball-Wissenschaft. Er verhehlt nicht die Faszination der digitalen Revolution, die längst auch den Fußball grundlegend verändert hat. Wo früher allein der Trainer seine Spieler beurteilen musste, analysieren heute Fachleute jeden Schritt der Kicker auf dem Rasen. Mit dem Abpfiff sind alle Pässe, jeder Torschuss, alle Kopfbälle notiert. Doch so sehr die moderne Leistungsdiagnostik
bereits die Arbeit der Trainerstäbe verändert hat, so wenig ist dieses Wissen bislang in der Fußball-Öffentlichkeit angekommen, wo in der Regel immer noch knapp über der Stammtischkante über Heimschiedsrichter und Buddhafiguren debattiert wird. Biermann zertrümmert nun nahezu im Seitentakt viele dieser vermeintlichen Gewissheiten. Bisweilen im Rückgriff auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse, etwa wenn er die überraschend wenig segensreiche Wirkung der Drei-Punkte-Regel beschreibt. Die sollte ja eigentlich für offensiveres Spiel sorgen, in Wirklichkeit lässt sie die führende Mannschaft weitaus engagierter verteidigen als früher. Londoner Spieltheoretiker haben das herausgefunden.
Biermanns Buch ist allerdings kein Forschungsbericht, vielmehr verknüpft die Fußball-Matrix kunstvoll die neuen Erkenntnisse mit persönlichen Einschätzungen und fein gezeichneten Porträts. Mit Lionel Messi hat er, zum Beispiel, über Computerspiele gesprochen, mit Volker Finke Videos aus den seligen Freiburger Zeiten geschaut, mit Spielanalytiker ChristopherClemens die Möglichkeiten und Grenzen der Leistungsdiagnostik ausgelotet.
Biermann erinnert an Pioniere der modernen Trainingslehre wie Sepp Herberger und rehabilitiert zähneknirschend Otto Rehhagel. Um am Ende keineswegs desillusioniert festzustellen: »Fußball bleibt auch unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System
mit der Neigung zu Instabilität und Chaos.« Christoph Biermanns lesenswertes Buch lässt uns selbst dieses Chaos besser verstehen.

 

Frankfurter Rundschau, 25.8.2009

Auf der Suche nach dem perfekten Spiel

Christoph Biermann enttarnt Geheimnisse des noch immer nicht hinreichend ausgeleuchteten europäischen Spitzenfußballs

Von Jan Christian Müller
Wer vorher nicht einsehen wollte, dass es sich beim ja nur vordergründig profanen Elf gegen Elf auf dem Fußballplatz um das komplexeste Spiel handelt, das je erfunden wurde, kann es bald besser wissen. Christoph Biermann, der beste deutsche Fußball-Journalist, beweist es auf 250 Seiten in seinem am Montag erschienenen Werk "Die Fußball-Matrix - auf der Suche nach dem perfekten Spiel". Bei dem 48-Jährigen Biermann handelt es sich, man muss das so sagen, um einen Fußball-Maniac. Sein Erstlingswerk "Wenn du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen" ließ schon Mitte der 90-er Jahre nur diesen Schluss zu.

Vermutlich hat der Kölner Biermann, der für Spiegel online und den Spiegel schreibt und unglücklicherweise Fan vom VfL Bochum ist, mehr Ahnung vom Fußball als die meisten diplomierten Fußballlehrer. Ein Beispiel für seine tiefe Liebe zum Spiel: An den ersten drei Spieltagen dieser Saison besuchte er bereits sieben Begegnungen in Liga eins und zwei.

Zum Glück ist er Journalist und kein Wissenschaftler. Deshalb ist die "Fußball-Matrix"das wahrscheinlich aufregendste deutschsprachige Fußballbuch des bald zu Ende gehenden Jahrzehnts geworden. Biermann enttarnt Geheimnisse, die sich im noch längst nicht hinreichend ausgeleuchteten europäischen Spitzenfußball auf den rund 7700 Quadratmetern Spielfläche, bei den 22 Spielern oder auch auf den Trainerbänken verstecken.

Der technische und personelle Aufwand, den die am höchsten professionalisierten europäischen Spitzenklubs sowie das finanziell bestens ausgestattete Fußballlabor TSG Hoffenheim inzwischen betreiben, ist immens. Biermann kommt am Ende aber doch zu einem Fazit, das Fußball-Romantiker erheblich erleichtern dürfte. Dass nämlich "Fußball unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System mit der Neigung zu Instabilität und Chaos" bleiben wird. Deshalb hält Biermann die Entwicklung hin zum gläsernen Spieler aber beileibe nicht für sinnlos. Den Zufall mit Hilfe externen Spezialisten, technischer Hilfsmittel, umfänglicher Spielanalyse, professionellem Scouting und umfassender medizinischer und psychologischer Betreuung zu minimieren, heißt gleichzeitig, die Chance auf den sportlichen Erfolg zu maximieren. Die meisten Klasseklubs haben das inzwischen verstanden. Nach der Lektüre von Biermanns Buch dürften es noch mehr kapieren.