Die Welt, 6. Mai 2010
Können oder Zufall? Von Stefan Hentz Im Literaturhaus plaudern der Physikprofessor Metin Tolan und der Sportjournalist Christoph Biermann über Fußball Drin oder nicht drin, das ist noch eine echte Frage. Darüber kann man sich ereifern und heiße Köpfe herbeireden. Und man kann sie zum Thema einer Vorlesung machen, im Fach experimentelle Physik zum Beispiel, wie der Dortmunder Professor Metin Tolan. Am Dienstagabend plauderte er im Duett mit dem Sportjournalisten Christoph Biermann im Literaturhaus über Fußball und wies nebenbei auf sein Buch "So werden wir Weltmeister" hin. Biermann dagegen hat ein Buch geschrieben, "Die Fußball-Matrix", das sich mit der zunehmenden Verwissenschaftlichung des Fußballs beschäftigt. Interessant eigentlich, sowohl als auch. Aber dann wieder zu sachlich, zu informiert und klug für uns als gemeine Fußballfans, die wir doch gerade völlig aus dem Häuschen sind, weil unser Dorfverein aus dem Bezirk Mitte wieder erstklassig wird, während die anderen, die Dinosauriergrauen vom Rothenbaum (lang ist es her) wieder dort angelangt sind, wo sie seit je hingehören: im ewigen, langweiligen, aber mit enormem Aufwand erkauften Mittelmaß - richtiger war Fußball schon lang nicht mehr. Aber ob das Biermanns Matrix erklären kann? Oder Tolans Physik? Oder eine andere transzendente Kraft? Gott? Van Gaal? Einfacher geht es bei den alltäglichen Fragen. Drin oder nicht drin? Die Regel dazu ist einfach und recht unmissverständlich: Drin ist, wenn der Ball mit vollem Umfang die Linie überschritten hat, wenn er also voll drin ist und kein bisschen drauf oder drüber. Nur ist der Ball ja rund, wie man zu wissen glaubt. Und damit fängt die Geometrie an und das Gerede auch, und plötzlich macht Fußball Spaß.
Vor allem wenn man sich aufregt, immer wieder, in Zeitlupe und aus der Hintertorkamera, wenn der Schiedsrichter kein Telefon hat oder eine unpassende Hemdfarbe trägt. Die Geometrie sagt, dass ein runder Körper, der eine in die Höhe gewachsene Linie in vollem Umfang überquert haben soll, sich an seinem tiefsten Punkt um eine Strecke, die größer ist als sein Radius, hinter dieser Linie befinden muss. Zwischen Ball und Linie müsste also ein größerer Streifen Rasen zu sehen sein, damit dieser Fall eingetreten ist.
Für einen Fußballfan ist das nicht immer leicht auszuhalten, zumal im realen Spiel die Bilder flüchtig sind, häufig viel zu flüchtig, als dass man sie mit Gewissheit interpretieren könnte. Dazu kommt, dass ja auch die Linie nur in der Theorie eine eindeutige ist, in der Praxis besteht sie aus Staub, der beim Streuen auch schon einmal um eine Winzigkeit verweht oder um mehr, der aber natürlich zur Linie gehört.
Der Fußball ist reich an solchen Fragen: abseits oder nicht abseits? Foul oder Schwalbe? Fehlentscheidung oder nicht? Können oder Zufall. Alles eine Frage der Perspektive, häufig, so sind sich die beiden Experten zum Schrecken der Technokraten des Fußballs einig, ist eine objektive Wahrheit im Zeitmaß des Spiels nicht darstellbar - und genau das erhöht den Reiz dieses Spiels. Man weiß vorher nicht, wie es hinterher ausgeht, und hinterher kann man sich endlos den Kopf heißreden. Drin oder nicht drin? Wen würde eine objektive Wahrheit schon interessieren?
Die einzigartige Spannung des Fußballs, so argumentiert Tolan immer wieder, ist direkt damit verknüpft, dass es nur selten zum Torerfolg kommt, dass also die Chance einer nominell schwächeren Mannschaft, durch einen glücklichen Zufall ein Sieg bringendes Tor zu erzielen, im Kontrast zu anderen, torreicheren Sportarten, sehr viel höher ist. Damit ist er einer objektiven Wahrheit über den Fußball schon sehr nahe gekommen.
Die Welt, 6. Mai 2010
Können oder Zufall? Von Stefan Hentz Im Literaturhaus plaudern der Physikprofessor Metin Tolan und der Sportjournalist Christoph Biermann über Fußball Drin oder nicht drin, das ist noch eine echte Frage. Darüber kann man sich ereifern und heiße Köpfe herbeireden. Und man kann sie zum Thema einer Vorlesung machen, im Fach experimentelle Physik zum Beispiel, wie der Dortmunder Professor Metin Tolan. Am Dienstagabend plauderte er im Duett mit dem Sportjournalisten Christoph Biermann im Literaturhaus über Fußball und wies nebenbei auf sein Buch "So werden wir Weltmeister" hin. Biermann dagegen hat ein Buch geschrieben, "Die Fußball-Matrix", das sich mit der zunehmenden Verwissenschaftlichung des Fußballs beschäftigt. Interessant eigentlich, sowohl als auch. Aber dann wieder zu sachlich, zu informiert und klug für uns als gemeine Fußballfans, die wir doch gerade völlig aus dem Häuschen sind, weil unser Dorfverein aus dem Bezirk Mitte wieder erstklassig wird, während die anderen, die Dinosauriergrauen vom Rothenbaum (lang ist es her) wieder dort angelangt sind, wo sie seit je hingehören: im ewigen, langweiligen, aber mit enormem Aufwand erkauften Mittelmaß - richtiger war Fußball schon lang nicht mehr. Aber ob das Biermanns Matrix erklären kann? Oder Tolans Physik? Oder eine andere transzendente Kraft? Gott? Van Gaal? Einfacher geht es bei den alltäglichen Fragen. Drin oder nicht drin? Die Regel dazu ist einfach und recht unmissverständlich: Drin ist, wenn der Ball mit vollem Umfang die Linie überschritten hat, wenn er also voll drin ist und kein bisschen drauf oder drüber. Nur ist der Ball ja rund, wie man zu wissen glaubt. Und damit fängt die Geometrie an und das Gerede auch, und plötzlich macht Fußball Spaß.
Vor allem wenn man sich aufregt, immer wieder, in Zeitlupe und aus der Hintertorkamera, wenn der Schiedsrichter kein Telefon hat oder eine unpassende Hemdfarbe trägt. Die Geometrie sagt, dass ein runder Körper, der eine in die Höhe gewachsene Linie in vollem Umfang überquert haben soll, sich an seinem tiefsten Punkt um eine Strecke, die größer ist als sein Radius, hinter dieser Linie befinden muss. Zwischen Ball und Linie müsste also ein größerer Streifen Rasen zu sehen sein, damit dieser Fall eingetreten ist.
Für einen Fußballfan ist das nicht immer leicht auszuhalten, zumal im realen Spiel die Bilder flüchtig sind, häufig viel zu flüchtig, als dass man sie mit Gewissheit interpretieren könnte. Dazu kommt, dass ja auch die Linie nur in der Theorie eine eindeutige ist, in der Praxis besteht sie aus Staub, der beim Streuen auch schon einmal um eine Winzigkeit verweht oder um mehr, der aber natürlich zur Linie gehört.
Der Fußball ist reich an solchen Fragen: abseits oder nicht abseits? Foul oder Schwalbe? Fehlentscheidung oder nicht? Können oder Zufall. Alles eine Frage der Perspektive, häufig, so sind sich die beiden Experten zum Schrecken der Technokraten des Fußballs einig, ist eine objektive Wahrheit im Zeitmaß des Spiels nicht darstellbar - und genau das erhöht den Reiz dieses Spiels. Man weiß vorher nicht, wie es hinterher ausgeht, und hinterher kann man sich endlos den Kopf heißreden. Drin oder nicht drin? Wen würde eine objektive Wahrheit schon interessieren?
Die einzigartige Spannung des Fußballs, so argumentiert Tolan immer wieder, ist direkt damit verknüpft, dass es nur selten zum Torerfolg kommt, dass also die Chance einer nominell schwächeren Mannschaft, durch einen glücklichen Zufall ein Sieg bringendes Tor zu erzielen, im Kontrast zu anderen, torreicheren Sportarten, sehr viel höher ist. Damit ist er einer objektiven Wahrheit über den Fußball schon sehr nahe gekommen.
opetharian 20. Januar 2010
http://opetharian.wordpress.com/2010/01/20/nicht-alle-wege-fuhren-nach-rom/
Nicht alle Wege führen nach Rom
Gestern abend gastierte Christoph Biermann in der Wiener Stadtbücherei am Gürtel. Eingeladen vom Ballesterer FM stand der Fußball-Guru Rede und Antwort, paraphrasierte dabei oft sein Buch „Die Fußball-Matrix“, suchte aber auch Antworten auf österreichische Fragen.
Ich muss zugeben, dass Buch von Herrn Biermann hat mich gefesselt. Es war nicht alles neu, aber auch nichts alt. Es war nicht alles anregend, aber vieles erregend. Es war (meiner Meinung nach) nicht alles richtig, aber auch nichts falsch. Ein Büchlein, dass es zur Fußball-Bibel schaffen kann, obwohl: Es ist nicht der Weisheit letzter Schluss, aber das hat Herr Biermann auch gerne zugegeben. Immerhin, es liefert Antworten auf die elementaren Fragen des Fußballs:
David gegen Goliath Mai 1960. Ein für Viele perfektes Spiel. 7:3 endet es zugunsten Real Madrids gegen die Frankfurter Eintracht. Damit beginnt der Abend, damit veranschaulicht der Gast das Streben nach Perfektion. Was 1960 nämlich perfekt anmuten konnte, scheint heute lange vergessen. Derzeit markiert Barcelona CF die ultimative Fußballkunst, performt präzises Kurzpassspiel, effektive Offensiv-Verteidigung und die optimale Raumdeckung. Jeder Spieler steht für technische Reife, mentale Höchstleistung und den Drang nach Erfolg. In einer Zeit der zunehmenden Verwissenschaftlichung und Digitalisierung des Sports sprechen in diesem Fall auch die nackten Zahlen für sich. Der David bleibt selten siegreich. Er prägt sich jedoch wie ein Stempel ins Gedächtnis, sollte er gewinnen. Zum Beispiel Rubin Kazan. Ausnahmen überraschen und bleiben damit im Gedächtnis. Eine logische Erklärung für ein altes Klischee.
Fußball teilt sich je nach Herangehensweise dialektisch: Es gibt den Fußball der Produktionsmittel und den Fußball des Wissens. Geld gegen Finesse also. Der britische Geist, der „Spirit“ tritt zu Tage. Wir verteidigen mit Härte, stehen mit elf Mann im und am Sechzehner. Jeder Zweikampf wird zum physischen Kampf auf Biegen und Brechen. Mit aller Macht und aller Kraft stellen wir uns der Übermacht. Der Verteidiger erhält den Ball, der Captain schreit zum Angriff. Die Reihen der Meinen stürmen nach vorne, überrennen den Gegner. Der Ball wird vom Sechzehner nach vorne gedroschen. Der Stürmer, er wartet, übernimmt den Ball mit Gefühl, bekommt ihn auf den Fuß und schießt. Langsam dreht sich die Kugel Richtung rechter Ecke, der Torwart bleibt ohne jede Chance. Sieg. Ein 1:0. Frenetischer Jubel auf den Tribünen, Schreie des Kampfes und der Erleichterung. David hat gesiegt.
Österreich: Die homogene Variante In Österreich hingegen fehlen die Produktionsmittel und das Wissen. Ausgereifte Scouting-Systeme vermisst man ebenso wie protzige Sponsoren und Magnaten – außer Red Bull. Aber wie kann Erfolg in Salzburg gemessen werden? Dieses Jahr in der Europa League, ansonsten gegen Vereine mit wenig Geld, mäßiger Jugendarbeit, komplexen Strukturen, ohne Produktionsmittel und Wissen eben. Digitale Mittel fehlen. Die Wissenschaft nähert sich eher stiefmütterlich. Aufwändige Scouting-Arbeit kommt zu teuer. Was bleibt, sind die alten Videokassetten. Stars? Fehlanzeige. Ein Land der Trainerfüchse also? Vielleicht. So richtig kann die Frage niemand beantworten. Einzig die Erkenntnis, dass Österreich sich die Stars eigeninitiativ entwickeln soll, um zu überleben.
„Nicht alle Wege führen nach Rom, aber viele“ (Johannes Uhlig im Zuge der Diskussion). Digitale Daten sind wertvolle Ressourcen, die genützt werden können, um das Niveau zu steigern. Spielanalysen greifen in den psycho-sozialen Bereich, bieten Zusatzinformationen und erweitern das Spektrum. Die taktisch-methodischen Fragen bleiben unbeantwortet: Wie lernen Trainer daraus? Wie lehren Trainer das erworbene Wissen? Unbeantwortet in dem Sinne, dass die universale Antwort nicht existiert. Jeder Spieler braucht individuelle Aufmerksamkeit und optimal zugeschnittene Methoden der Umsetzung. Die Perfektion erhält der Spieler auf einer sozialen, kommunikativen, technischen, konditionellen, physischen, psychischen, mentalen, interaktiven, auditiven, visuellen und räumlich-denkenden (!!!; dreidimensionales Denken als Grundvoraussetzung) Ebene.
Digitale Daten Eine statistische Auswertung eines Spiels bringt zwischen dreißig und vierzig Seiten an Zahlen - prozentuale Verteilungen und absolute Werte. Darin werden Laufwege, Pässe etc. mathematisch konstruiert. Der richtige Umgang ergibt sich aus jahrelanger Routine. Welche Zahlen nämlich wirklich aussagekräftig sind, erkennt der Laie nicht, sondern nur der versierte Fachmann. Werden Eindrücke überprüft und kontrolliert, vergleicht man Spieler, wie haben wir auf Spielsituationen reagiert usw. Man kann viel herauslesen, aber auch viel überlesen. Einzig die Tatsache, dass die Daten nur in der Ganzheitlichkeit wirklich aussagekräftig sind, bleibt bestehen.
EURO 08. Russland spielt gegen Holland. Die Spieler der Sbornaja versuchen den Ball kontrolliert in den eigenen Reihen zu halten. Riskante Pässe werden vermieden. Der Spielaufbau erfolgt langsam, das Verschieben der Reihen ebenso. Dem System scheint Bewegung zu fehlen. Trotz allem mehr Spielanteile für die Russen. Ein Ballverlust bedeutet immer Gefahr, immerhin geht es gegen die spielstarken Oranjes. Das Konzept scheint zu funktionieren. Wenige Tage später. Dieselbe Sbornaja spielt gegen Spanien. Die Aufzeichnungen zeigen eine hohe Laufbereitschaft, aber nur wenig Ballbesitz. Die Zahlen drehen sich. Die Spanier spielen ballsicher, lassen Ball und Gegner gezielt laufen. Nie droht der Kontrollverlust. Die Erkenntnis: Viel laufen kann auch viel hinterherlaufen bedeuten. Klischees wie Ballbesitz = Sieg oder Mehr laufen = Sieg sind widerlegt. Ein für alle mal.
Die Suche nach dem perfekten Training Training im Kollektiv, in Kleingruppen und individuell. Die möglichen Alternativen, die in einer optimalen Ausgewogenheit zumindest den Erfolg versprechen. Alle Möglichkeiten müssen ausgelotet werden, alle Daten gesammelt werden. Herrscht in Österreich noch der ergebnisorientierte Fußball, sind in anderen Ländern die Siege und Niederlagen eher sekundär. Die Arbeit zählt, das Vorwärtskommen muss sichtbar sein. Man muss selbst Goliath sein, nicht David. Stärke, Kampf und Leidenschaft sind die Marschrouten. Regionale Spielkulturen dominieren, der langfristige Erfolg ist der Kern der Trainerarbeit. Die Mentalität rückt ins Zentrum.
Die Satanische Drei-Punkte-Regel Es werden immer weniger Tore geschossen. Christoph Biermann reduzierte diese Tatsache auf die Einführung der Drei-Punkte-Regel. Geht eine Mannschaft in Führung, will sie diese mit allen Mitteln verteidigen, riskiert im Offensivspiel weniger und dadurch fallen weniger Tore. Klingt plausibel, reicht aber nicht aus. Die Digitalisierung und Verwissenschaftlichung zeigt nämlich eines: Die Leistungsdichte nimmt zu. Hochleistungssport bewirkt eine Annäherung der potentiellen Leistung. Alle Spieler sind ähnlich stark. Das Defensivspiel sei außerdem leichter erlernbar, eine weitere Aussage des Fachmanns. Auch da muss ich widersprechen. Die Abwehr ist immer nur so gut, wie der gegnerische Angriff schlecht ist – ein Nullsummenspiel. Gegen schwächere Teams lässt sich leichter verteidigen, als gegen hervorragende. Taktik, Strategie, physischer und psychischer Zustand, optimale Kommunikation. Punkte, die die Stärke einer Mannschaft veranschaulichen. Die verallgemeinernde Meinung, Defensive ließe sich leichter erlernen, ist damit passé. Weil Defensive nur insofern pauschalisiert trivialer sein kann, dass sie stets hauptsächlich Reaktion erfordert. Aktion steht hintan. In der Offensive braucht es beides.
Ausblick Der Fußball steht vor einer Revolution. Digitalisierung und Verwissenschaftlichung sind die Trends der Stunde. Dadurch wird die Leistungsdichte weiter steigen. Tore werden seltener. Die FIFA muss hier gegenwirken. Vorschläge des gestrigen Abends:
Ein Spieler weniger pro Team, um mehr Räume zu schaffen Rückkehr zur Zwei-Punkte-Regel, um wieder mehr Risiko zu forcieren Meine Idee: Die Tore auf den Fünfer vorzustellen, um Räume hinter den Toren zu schaffen. Dadurch wird das Feld kleiner, was mit einem Feldspieler weniger ausgeglichen wird. Das Spiel hinter dem Tor schafft mehr taktische Möglichkeiten, schnellere Spielverlagerungen, dynamischere Reihen und kombinationsreicheres Kleingruppenspiel. Der Fünfer als Torwartraum wird beseitigt, was sein Agieren ändert. Weniger Abbrüche der Spielsituationen. Der Elfmeterpunkt wird an die Strafraumgrenze verlegt. Allerdings mit Vorbehalt: Diese Idee dient nur der Forderung nach mehr Toren, nicht nach einem neuen Spiel. Resumee Der Abend lieferte Antworten, aber vielmehr noch Fragen. Zugleich wurden die Buchinhalte vermittelt.
De:Bug 137
Die Verschränkung von Fußball, Digitalisierung und die so auftretenden Wechselwirkungen wurden bereits in Klaus Theweleits Buch “Tor zur Welt” formuliert, und waren dort beispielhaftes Erklärungsmodell für die Welt im Ganzen. Christoph Biermann, einer der kompetentesten Fußball-Journalisten des Landes, führt den Ansatz fort, jedoch eher in einer strategisch-taktischen und historischen Auseinandersetzung, die er bereits in “Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann” präsentierte.
Wo liegen die Schnittmengen von Mathematik, Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnung, Datenverarbeitung und der Ästhetik eines Spiels, das durch Variablen wie Zufall geprägt ist wie kein anderer Sport? Die “Fußball-Matrix” zeichnet die professionelle Digitalisierung eines Sports auf, die in einer augmentierten Ballrealität endet, wo das Spiel der Zahlen auch eine Suche nach kalkulierbarem Erfolg ist.
Fast beiläufig werden dabei Geschichten über das MilanLab, die Verbindung von Schach und Felix Magath oder das Scheitern der Mourinho-Philosphie erzählt, die die Entwicklung, die hier aufgezeigt wird, noch tiefer verdeutlichen. Zur Zeit gibt es wohl kein derart gut recherchiertes und lesenswertes Buch über Fußball, dass das Jetzt dieses Sports in seiner gesamten Komplexität skizziert und die Suche nach dem perfekten Spiel zu einer Wissenschaft fernab aller Phrasenschweinweisheiten werden lässt.
Ji-Hun Kim
Nürnberger Nachrichten, 23.2.2010
Christoph Biermann las aus seinem Buch "Die Fußball-Matrix" Die Zentrale der geheimnisvollen Firma befindet sich in London. Ein großer Raum voll mit Bildschirmen, über die Fußballspiele der großen europäischen Ligen und die dazugehörigen Wettquoten flimmern. Von hier aus platziert Jim Towers, ein ehemaliger Börsenspekulant, sechsstellige Summen bei asiatischen Buchmachern. Im besten Jahr machte er damit 25 Millionen Euro Gewinn.
«Das ist alles so irre, das kann überhaupt nicht wahr sein», dachte der Fußball-Autor Christoph Biermann, als er mit Towers über dessen Geschäftsmodell sprach. Beim Wetten verlasse er sich nie auf seine Intuition oder auf irgendeinen Insidertipp. Er interessiere sich auch nicht für Ergebnisse, Tabellenplätze oder Siegesserien – denn sie könnten durch Zufall zu stande gekommen sein. Um Siege oder Niederlagen vorherzusagen, bewertet er vor allem die Zahl der kleinen, mittleren und großen Torchancen, die eine Mannschaft hat beziehungsweise zulässt. Eine scheinbar einfache Formel, die von promovierten Mathematikern erweitert und verfeinert wurde. Aber ist sie nur für Zocker von Bedeutung oder auch für Trainer?
Das Wettbüro in London war für Biermann die faszinierendste Station seiner dreijährigen Recherche, mit der er versuchte, den Geheimnissen des modernen Fußballs auf den Grund zu gehen. Sie führte ihn nach Kalifornien, nach Barcelona und ins sagenumwobene Fitnesslabor des AC Mailand. Er sprach mit aus der Bundesliga bekannten Trainern und Managern, aber auch mit Ökonomen, Statistikern und Analyseprofis.
Die Ergebnisse hat er unter dem Titel «Die Fußball-Matrix. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel» zusammengetragen. Am Freitagabend las Biermann, der zu den renommiertesten Fußball-Autoren in Deutschland zählt, im Zeitungscafé Hermann Kesten aus dem Buch. Er war Gast der Lesereihe «Kaltblütig verwandelt», die die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur nun bereits im dritten Jahr veranstaltet.
Biermann sagt, der Fußball habe eine digitale Wende erlebt, eine Verwandlung in ein Spiel der Zahlen. «Der Zufall soll eine immer kleinere Rolle spielen. Es geht um Wissen, um Verwissenschaftlichung.» Als Beleg führt er eine Software zur Spielanalyse vor: Auf der Leinwand hinter ihm sieht man aus der Vogelperspektive, wie sich elf rote und elf weiße Punkte auf einem grünen Rechteck hin und her bewegen, als wären sie miteinander verbunden. Mit Wärmekameras in den Stadien werden die Laufwege der Spieler aufgezeichnet und anschließend digitalisiert. Ein Trainer suche am Computer nach Stellungsfehlern wie ein Pathologe nach Organfehlern, schreibt Biermann.
Die Arbeit an «Die Fußball-Matrix» hat Biermanns Blick verschoben. «Ich gucke jetzt strukturierter auf das Spiel selber, aber auch auf das Geschäft, das drum herum betrieben wird», beschreibt er. «Es ist verblüffend, wie irrational oft gehandelt wird.» Bei Trainerentlassungen zum Beispiel, oder bei der Verpflichtung von Neuzugängen. Wie Entscheidungen im Fußball tatsächlich getroffen und begründet werden, sei für Außenstehende manchmal nur schwer zu erkennen. «Was Trainer in der Öffentlichkeit sagen, hat nichts damit zu tun, wie sie über Fußball denken. Da liegen Welten dazwischen», ist sich Biermann sicher.
Zusammen mit Felix Magath hat er Fußball und Schach verglichen. Der Schalke-Coach sieht gewisse taktische Gemeinsamkeiten und hat sich beim Schachspielen Anregungen für seine Arbeit im Fußball geholt. Allerdings gibt es auch deutliche Unterschiede: «Schachfiguren verspringt kein Ball, weil sie schlecht geschlafen haben», sagt Magath. Den Versuch, vom Schach eine Fußballtheorie abzuleiten, hat der «Meistermacher» wieder verworfen.
Manche der Neuerungen, die Biermann in seinem Buch vorstellt, wirken so, als seien sie einem Science-Fiction-Film entsprungen. Für alle, die diese Entwicklung mit Sorge betrachten, zieht der Autor aber ein beruhigendes Fazit: «Fußball bleibt auch unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System mit der Neigung zu Instabilität und Chaos.» Alles entwickele sich kontinuierlich weiter, der Zufall sei nie ganz auszuschalten. Die Suche nach dem perfekten Spiel wird endlos bleiben.
David Bernreuther
Jungle World, 21. Januar 2010
Die Verwissenschaftlichung von Fußball von Martin Reeh
Den vielleicht besten Grund, dieses Buch zu kaufen, zuerst: eine zweiseitige Polemik gegen Otto Rehhagel, den Mann, der die Europameisterschaft 2004 verdarb. Zum ersten Spiel der Griechen bei der EM 2008 in Salzburg, schreibt Christoph Biermann, sei er »aus niederen Beweggründen« gereist: »Ich wollte Otto Rehhagel untergehen sehen. Vier Jahre zuvor war ich durch die Hitze des portugiesischen Sommers gefahren und hatte gelitten, als Griechenland sich zum Titelgewinn mauerte. Ich mochte den Spaßverderberfußball nicht, und dass Otto Rehhagel auf der Bank saß, machte es kaum besser.« Mit jeweils 1:0 gewannen die Griechen damals ein Spiel nach dem anderen, besiegten den Offensivfußball der Tschechen ebenso wie Franzosen und Portugiesen. »Mein Trip kam einem Exorzismus gleich. Ich wollte die Fußballgeschichte korrigiert sehen«, hoffte Biermann. Rehhagel tat ihm 2008 den Gefallen, sein Team verlor gegen die Schweden mit 0:2 und danach auch die weiteren Gruppenspiele.
Der EM-Sieg der Griechen blieb ein Betriebsunfall. 2008 gewannen die Spanier, deren Kombinationsfußball das Anspruchsvollste und Beste war, was die EM zu bieten hatte. So fällt es Biermann leicht, am Ende doch generös eine Lanze für Rehhagel brechen: Im Grunde habe dieser in Portugal »genial« gehandelt, weil er aus der Situation der Griechen einen »originellen Schluss« gezogen habe, nämlich mit dem veralteten Libero-System zu spielen.
Die Titelgewinn der Spanier oder der Champions-League-Sieg des FC Barcelona sind für Biermann, Sportkorrespondent des Spiegel, aber ein Zeichen dafür, dass die Entwicklung und Verwissenschaftlichung der Methoden im Fußball auch dessen Ästhetik befördern. Weg mit Gerumpel und Sieg-durch-Willenskraft-Methodik, kurz: weg mit dem Stil, der die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in den achtziger und neunziger Jahren geprägt hat. Spätestens nach der aus deutscher Sicht missratenen EM 2004 begann auch hier die Diskussion über moderne Fußballmethodik. Deren Entwicklung beschreibt erstmals umfassend Biermanns Buch »Die Fußball-Matrix – Auf der Suche nach dem perfekten Spiel«.
Ausgangspunkt seiner Überlegungen sind Mannschaften wie die TSG Hoffenheim oder der SC Freiburg, Clubs, die deutlich besser spielen, als es der Personaletat hergibt. Im Fußball, schreibt Biermann, gebe es zwei Arten von Vereinen: die produktionsmittelbasierten, also die reichsten, die sich die besten Spieler kaufen könnten; und die wissensbasierten, die etwa durch »besonderes Training, durch taktische Raffinesse, gute psychologische Betreuung« ihren Wettbewerbsnachteil ausgleichen können. Dabei seien die Clubs, die »strategisch vorgehen und systematisch versuchen, sich einen Vorteil zu verschaffen, in der Minderzahl«.
Biermann hat mit Hoffenheims Verantwortlichen und mit Volker Finke gesprochen, Statistiker interviewt, das Milan Lab besucht, mit dem der AC Mailand ältere Spieler auf höchstem Niveau leistungsfähig hält, und widmet der »hohen Kunst des Fehleinkaufs« (und dessen Vermeidung) ein eigenes Kapitel.
Auch im Fußball sind es in der frühen Phase oft Außenseiter, die neue Ideen ins System hineintragen und dessen Entwicklung damit befördern. Fast schon legendär ist der Auftritt des damaligen SSV-Ulm-Trainers Ralf Rangnick 1998 im ZDF-»Sportstudio«, für den er den spöttischen Beinamen »Professor« erntete. Rangnick hatte an einer Tafel die Viererkette in der Abwehr erklärt, die Grundlage modernen Fußballs, wie er in Italien oder England längst erfolgreich praktiziert wurde. Weniger bekannt ist
die Geschichte, die Biermann über den Ursprung von Rangnicks Methodik erzählt. In Deutschland war Helmut Groß, Trainer des SC Geislingen und im Hauptberuf Ingenieur für Brückenbau, in den achtziger Jahren einer der ersten, der die ballorientierte Raumdeckung in den Fußball einführte. Groß musste sich mit dem Widerstand schwäbischer Traditionalisten auseinandersetzen. »In Geislingen konfrontierte ein Spieler Groß mit der Bitte, in der ersten Halbzeit als rechter Verteidiger und in der zweiten Halbzeit als linker Verteidiger spielen zu dürfen. Er wollte partout nicht dorthin, wo sein Vater am Spielfeldrand stand. Der verstand nämlich nicht, dass sein Sohn niemanden bewachen, sondern sogar ignorieren musste, wenn der Ball gerade auf der anderen Seite des Spielfelds war und er als Verteidiger einrücken sollte«, schreibt Biermann. Groß wurde Mitglied im Lehrstab des Württembergischen Fußballverbands, lernte dort Rangnick kennen und gehört heute zu dessen Stab in Hoffenheim.
Ist der wissenschaftliche Fortschritt im Fußball also unaufhaltsam? Das vielleicht einzige Manko von Biermanns Buch ist das Fehlen eines Kapitels über die Wechselwirkungen zwischen Irrationalität und Rationalität im Fußball. Auch die meisten wissensbasierten Strategien im modernen Fußball bauen auf Irrationalem auf: der Identifikation der Fans mit einer Mannschaft – einer »imaginierten Gemeinschaft« – und der daraus erwachsenden Bereitschaft, regelmäßig Geld für Tickets, TV-Abos oder Merchandising-Artikel zu zahlen. Erst dies spült das Geld in die Kassen, um Scoutingsysteme oder Trainer- und Psychologenstäbe finanzieren zu können. Gleichzeitig macht der moderne Fußball die Identifikation der Fans noch etwas irrationaler: sind sie doch oft die Einzigen, die noch nach Jahren den Club unterstützen, während die Objekte ihrer Identifikation, vom Spieler bis zum Manager, längst den Verein gewechselt haben. Insbesondere in Krisenzeiten bricht das Irrationale oft wieder auch in die Spieler- und Trainerebene des Fußballs ein und macht Fortschritte im wissensbasierten Herangehen zunichte.
Dies beweist derzeit insbesondere die argentinische Nationalmannschaft. Bei der WM 2006 hatte das Team unter Trainer José Pekerman den spanischen Kombinationsfußball von 2008 schon vorweggenommen und avancierte zum Turnierfavoriten. Im Viertelfinale gegen Deutschland verzockte sich der Trainer jedoch beim Einwechseln, die Mannschaft schied aus: ein taktischer Fehler, den man 2010 hätte korrigieren können. Pekerman trat nach dem Turnieraus zurück. Sein Nachfolger Maradona, ernannt wegen seiner mythischen Erfolge als Spieler, nicht seiner Trainerqualifikationen wegen, führte jedoch das Team in eine Niederlagenserie.
Ronald Reng schrieb kürzlich in der Taz über die Frage, warum Lionel Messi mit dem FC Barcelona Erfolge feierte, unter Maradona jedoch oft auf verlorenem Posten steht. Maradona, glaubt Reng, wende das System an, das ihn zum Weltstar gemacht hatte. Damals sei lediglich die Verteidigung fest zugeordnet gewesen, im Angriff setzte man aber auf die spontane Kreativität Einzelner. Messi sei in Barcelona heute aber an ein festes System von Spielzügen gebunden – und wisse daher im Nationalteam nicht den Schritt, der als nächstes kommt. Argentinien ist so von einem der modernsten Teams der Welt zu einer Mannschaft geworden, deren Ausscheiden in der Vorrunde der nächsten WM nicht überraschen würde. Profitieren könnten in der Gruppe B davon Rehhagels Griechen, die sich erneut durch die Qualifikation gemauert haben.
fussball, soccer, calcio & co., 14.1.2010
Christoph Biermann nimmt die "Suche nach dem perfekten Spiel" ernst und fußt sein Buch auf gründlicher Recherche sowie den Erfahrungen und Ansätzen von vielerlei Gesprächspartnern. Vom "Milan Lab" bis zu professionellen Wettern. Angleitet von US-amerikanischen Beispielen führt er zunächst vor Augen, wie die technische Entwicklung den Profifußball bereits prägt. "Videoanalyse und Videoschulung verändern den Fußball nachhaltig. Das Bewusstsein dafür, was richtiges und was falsches Verhalten auf dem Platz ist, wird den Spielern durch die Bilder deutlicher. Und es verstärkt den Stil, dass die meisten Mannschaften inzwischen defensiv gut organisiert sind und gut umschalten". Er nennt dabei auch Fußball-Computerspiele, die Erfahrungswelt und Wahrnehmung des Spiels beeinflussen. Da ich von Computerspielen nicht die leiseste Ahnung habe, war ich schon sehr erstaunt, als ich kürzlich zuschauen konnte, wie mehrere Leute ein solches Fußballspiel am Bildschirm gegeneinander ausgetragen haben. Hatte keine Vorstellung davon, wie und was das ist. Den Reiz verstanden hab' ich nicht, aber da dürfte ich wohl allein sein.
Eine zweite Ebene sind die Zahlen einer professionellen statistischen Spielanalyse, wie sie mittlerweile von verschiedenen Unternehmen für große Vereine erstellt oder von eigens angestellten Analytikern gemacht werden. "Ich glaube zwar nicht, dass man das ganze Spiel auf Zahlen reduzieren kann, aber sie geben dir eine bessere Sicht auf die Parameter, die wirklich wichtig sind", zitiert Biermann Arsène Wenger.
Den Fußball wissenschaftlich analysieren, um ihn auf empirischer Grundlage anstatt auf Instinkt und Trial and Error aufbauen zu können. Das ist Biermanns Anliegen. Hierbei fehlt es aber schon bei den physischen Grundlagen: "Noch immer gibt es keine gesicherten Standards, wie man Fußballprofis in einen optimalen körperlichen Zustand versetzt. Umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Fußball seit neun Jahrzehnten ein Gegenstand der Sportwissenschaft ist. Doch selbst heute noch gibt es deutliche Unterschiede im Trainingszustand von Profiteams." Die Frage, ob holländisches Fußballtraining durch Fußballspielen, modische Gymnastikübungen oder doch das seit Jahrzehnten gepflogene Berg- und Waldlaufen die beste Fitness für den Fußball, die richtige Mischung aus Ausdauer und Spritzigkeit, verschafft, bleibt trotz Fortschritten in der Leistungsdiagnostik offen. "Um den Platz zu laufen ist eine gute Alternative, wenn der Trainer nicht coachen kann." läßt Biermann Guus Hiddinks Fitnesscoach Raymond Verheijen Konditionsarbeit mit dem Ball erklären: "Der Trainer ruft nicht 'Kämpf! Lauf! Hau dich rein!', wenn die Spieler in den letzten zehn Minuten nachlassen. Er gibt fußballspezifische Anweisungen: 'Umschalten! Press! Freilaufen! Draufgehen!' Er coacht nicht Motivation, sondern Fußball. Aber dazu muss man das Spiel lesen können, und dazu sind nur wenige Trainer in der Lage." Klingt zugegebenermaßen überzeugend. Auch wenn die Physis nicht alleine Spiele entscheidet, ein wichtiger Baustein ist sie jedenfalls..
In Fragen der Taktik gibt es Biermann zufolge "inzwischen so etwas wie eine Generaltaktik fürs erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Sie besteht darin, die eigene Offensive ausschließlich von der Defensive aus zu denken. Man versucht, dem Gegner bei dessen Spielaufbau den Ball abzuluchsen und ihn dann auszukontern." Auch wenn es nicht so ist wie beim Schach, wo es ausgefeilte Theorien des Spiels gibt. Am Beispiel der norwegischen Nationalmannschaft der 1990er Jahre zeigt Biermann wie die Theorie falsch sein, aber trotzdem die Praxis stimmen kann.
Wo die Zukunft des Profifußballs liegt, da ist sich Biermann sicher: "Die inzwischen auf breiter Basis durchgesetzte Videoanalyse hat das Bewusstsein der Spieler für das eigene Tun verschärft. Die Digitalisierung, die Möglichkeit von Statistikanalyse und die Wahrscheinlichkeitsrechnung mit den Daten werden die Entwicklung des Spiels stark beeinflussen. Sie sind Teil einer längst noch nicht abgeschlossenen Entwicklung im Fußball, bei der sich das Spiel von einem der Meinungen in eines des Wissens verändert." Doch trotz aller Annäherung an das perfekte Spiel wird die Suche danach nicht aufhören. "Fußball bleibt auch unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System mit der Neigung zu Instabilität und Chaos. Das muss man aushalten können, wie im wahren Leben."
Diagnostikblog, 6. 1. 2010
Die Fußball-Matrix von Olaf
Ich habe ein sehr interessantes Buch über Fußball gelesen, das sowohl Fans des Sports als auch Statistikinteressierte begeistern kann: „Die Fußball-Matrix“ von Christoph Biermann. Der Autor ist einer der renommiertesten deutschen Fußballjournalisten. Seine Artikel und Bücher sind stets gleichermaßen unterhaltsam wie informativ. Biermann ist ein echter Fußballverrückter, aber auch ein Intellektueller, der verstehen und beschreiben will, wie diese Sportart funktioniert. In seinem aktuellen Buch schildert er die unterschiedlichen Bemühungen, Fußball mit wissenschaftlichen Methoden zu perfektionieren. Biermann ist durch ganz Europa gereist, hat mit Trainern und Wissenschaftlern gesprochen und verschiedene Vereine besucht (zum Beispiel das berühmte Trainingszentrum des AC Milan). Er beschreibt, dass es in anderen Sportarten – insbesondere im Basketball und Baseball, aber auch im Hockey und American Football – schon seit Langem üblich ist, die Leistung von Spielern und Teams mit statistischen Methoden auszuwerten. Im Fußball fangen die großen Vereine gerade erst an, Spieler etwa vor dem Einkauf nach objektiven Kriterien zu bewerten. Insgesamt bekommt man den Eindruck, dass es mit der Professionalität im deutschen Fußball nicht weit her ist. Vor allem, wenn man bedenkt, um welche wirtschaftlichen Dimensionen es im Fußball heutzutage geht. Dass es in der Bundesliga im Vergleich zu England, Italien, aber auch Spanien und den USA recht provinziell zugeht, ist übrigens mein subjektiver Eindruck nach der Lektüre des Buches; Christoph Biermann hält sich mit einer Bewertung vornehm zurück – er lobt eher die wenigen positiven Ansätze (etwa in Hoffenheim).
Mentaltrainer Mehr noch hat mich ein anderes Phänomen des Buchs von Biermann beeindruckt: Auch wenn die Bemühungen, die Trainingsmethoden zu optimieren und die Leistungsfähigkeit der potenziellen Neuzugänge objektiv zu bewerten, heute teilweise recht ausgefeilt sind, so bleibt der psychologische Aspekt seltsam unbeachtet. Zwar haben die meisten Vereine heute einen Mentaltrainer, der den Spielern dabei hilft, geistige Blockaden zu lösen und ihnen als Ansprechpartner bei persönlichen Problemen zur Verfügung steht. Aber bei der Auswahl von Spielern sind psychologische Aspekte offenbar nebensächlich.
Training oder Auswahl?! Das erinnert mich an die Zeit, als man in der Wirtschaftswelt glaubte, dass „Führung“ etwas sei, was sich lernen ließe. Heute hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich durch Trainings, Seminare und Coachings das Verhalten von Führungskräften nur in gewissen Grenzen verändern lässt. Es ist ein Irrglaube, dass sich mithilfe des passenden Trainings – so hilfreich es ist – jeder dafür eignet. 30 Jahre Forschung haben gezeigt: Es gibt fundamentale Persönlichkeitsmerkmale und individuelle Fähigkeiten, die gute von schlechten Führungskräften unterscheiden – und die meisten dieser Merkmale sind nur begrenzt veränderbar. In vielen Unternehmen gilt deshalb bei der Suche nach guten Führungskräften heute folgendes Prinzip: 80 Prozent ist Auswahl, 20 Prozent Entwicklung. Bezogen auf die psychologischen Aspekte im Fußball heißt das: Ein Mentaltrainer gehört sicherlich heute zu Recht genau so selbstverständlich zum Betreuerteam wie ein Physiotherapeut – aber auch bei der Auswahl von Fußballprofis sollten psychologische Aspekte eine zentrale Rolle spielen.
Diagnostik von Fußballprofis Die Anforderungen an Fußballspieler und die an Führungskräfte sind sicherlich völlig andere. Dennoch will ich versuchen, die Prinzipien der Management-Diagnostik auf die Auswahl von Fußballprofis zu übertragen:
Intelligenz Ich habe an anderer Stelle berichtet, dass Intelligenz für unterschiedlichste Aufgaben ein sehr guter Prädikator der Leistungsfähigkeit ist. Ohne ihnen zu nahe treten zu wollen: Ich glaube nicht, dass das für Fußballprofis gilt (obwohl von César Luis Menotti der Satz überliefert ist: „Ich möchte nur intelligente Spieler in meiner Mannschaft haben“). Was ein Fußballspieler benötigt, ist allenfalls eine gewisse „Spielintelligenz“ – das heißt, er muss intuitiv entscheiden können, wie er in einer bestimmten Situation reagiert. Ich vermute jedoch, dass Trainer und Sportdirektoren die Spielintelligenz gut beurteilen können und die Ergebnisse eines Intelligenztests bei der Suche nach dem nächsten Messi nicht hilfreich sind.
Körperliche Leistungsdaten Was Intelligenz für den Erfolg von Führungskräften bedeutet, ist körperliche Leistungsfähigkeit bei Fußballspielern. Sprintstärke, Ausdauer, Schusskraft, Tor- und Zweikampfquote etc. sind hochverlässliche Indikatoren für die Leistungsfähigkeit auf dem Platz. Christoph Biermann beschreibt in seinem Buch, wie aufwendig die meisten Vereine diese Parameter heutzutrage bei Spielerkäufen auswerten. Insofern ist die Auswahl schon wesentlich professioneller als vor einigen Jahren, als man sich bei der Neuverpflichtung von Spielern auf subjektive Eindrücke von Talentscouts und Videokassetten mit Zusammenschnitten einiger Spielszenen verließ.
Persönlichkeit Die Persönlichkeit spielt sicherlich eine ebenso große Rolle dabei, ob ein Fußballspieler erfolgreich ist oder nicht. Ich glaube, dass sich die Erkenntnisse aus der Management-Diagnostik weitgehend auf den Profifußball übertragen lassen:
Motivation. Ähnlich wie bei Führungskräften ist die Leistungsfähigkeit ein Produkt aus Können und Wollen (die griffige Formel „L=K*W“ hat mein Doktorvater Werner Sarges geprägt). Fast alle Fußballbundesligavereine können ein Lied davon singen, dass sich großartige Spieler nach dem Kauf als unmotiviert herausstellen. Ich bin mir sicher, dass man den Großteil solcher Fehleinkäufe durch psychodiagnostische Methoden hätte verhindern können. Soziale Fähigkeiten. Ähnlich wie in der Wirtschaft geht es im Fußball darum, unterschiedliche, teilweise recht individualistische Interessen in einem Team zusammenzuführen und auf ein gemeinsames Ziel hin auszurichten. Wie in Unternehmen gibt es in Mannschaften verschiedene Persönlichkeitstypen – und von allen Teammitgliedern wird ein bestimmtes Mindestmaß an sozialen Fähigkeiten erwartet. Darüber hinaus sollte es bei einigen erkennbares Führungspotenzial geben. Der Trainer ist nicht die einzige Führungskraft einer Fußballmannschaft – auch einige Spieler müssen Führungsaufgaben übernehmen. Gibt es insgesamt zu wenig Führungspotenzial in der Mannschaft, dann wird das Team nicht seine optimale Leistung erbringen können. Zusammenfassung Entscheidend für die Leistungsfähigkeit eines Fußballspielers sind:
seine körperlichen und spielerischen Fähigkeiten, seine Motivation, seine sozialen Fähigkeiten. Während der erste Aspekt bei Spielerkäufen ausführlich untersucht und bewertet wird, werden die letzten beiden Faktoren nicht systematisch, sondern nur aus dem Bauch heraus eingeschätzt. Ich vermute, dass man mit einer sinnvollen und systematischen psychologischen Diagnostik von Fußballspielern die Trefferquote bei Neuverpflichtungen drastisch verbessern könnte. Vielleicht liest ja jemand aus dem Management eines Fußballvereins diesen Beitrag?!
Kölner Stadt-Anzeiger, 1.12.2009
Annäherung an den Kern des Spiels
Christoph Biermann sucht neue Antworten auf die alte Frage nach der Erfolgsformel
Alles Wissen über Fußball ist falsch. Sagt Roland Loy, ein Fußball-Statistiker, der sich in einen Rausch analysiert hat. Ergebnis: Wissen darf man das, was alle über Fußball zu kennen glauben, nicht nennen. Meinung trifft es besser. Der Fußball ist für Loy voll von Meinungen. Meinungen voller Unwissen. Und Unsinn. Nachdem Loy also alle 16 730 Tore untersucht hat, die zwischen der Saison 1989/ 1990 und der von 2007/2008 in der Bundesliga gefallen sind, steht fest: Doppelpässe sind nicht so wichtig - Torquote: 0,9 Prozent; Flügelspiel auch nicht; wer die meisten Zweikämpfe gewinnt: egal. Loys Erkenntnis, wonach wir "Lichtjahre davon entfernt sind, zu verstehen, wie der Fußball funktioniert", ist der Ausgangspunkt für eine weitergehende Darstellung des Fußballs. Der Kölner Autor Christoph Biermann hat sich daran versucht - und eine interessante Sammlung allerneuester Erkenntnisse erstellt. Sein Buch "Die Fußball-Matrix. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel" ist 244 Seiten dick. Es sind 244 Seiten, die eine Annäherung zum Kern des Spiels beschreiben.
Biermann teilt ausdrücklich Loys Eingebungen. Er zitiert sie sogar ausführlich. Die Idee des Fußballs, schreibt nun Biermann, "bleibt unschlagbar einfach, zugleich aber sind seine Möglichkeiten komplex und unerschöpflich". Er sucht schlicht "smartere Antworten" darauf, wie Erfolg oder Misserfolg zustande kommen. Mit den tradierten Meinungen kann er nichts anfangen. Das ist die Wirkung, die von Loy ausgeht.
Biermann war im MilanLab, dem inneren Zirkel des AC Mailand, er stellt Mathematiker vor, die sich an Erfolgsformeln versuchen. Er beschreibt Rechenfabriken des Fußballs, stellt die digitalisierte Welt der Datensammler von hochmodernen Analyseverfahren vor, deren Basis Erkenntnisse von Wärmekameras sind, die in sechs Bundesliga-Stadien installiert sind. Damit kann jede Bewegung eines Spielers digital erfasst werden. Und wer will, etwa als Trainer, kann daraus natürlich seine eigene Methode ableiten. All das sind Beispiele - und sie formen Biermanns Botschaft: Es gibt nicht eine einzige Antwort auf die Frage nach dem Erfolg. Es gibt mehrere. Jeder sucht heraus, was für ihn passt. Fazit: "Fußball bleibt auch unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System mit der Neigung zur Instabilität und Chaos." Das ist Biermanns vorletzter Satz. Er klingt frustrierter als er ist.
Er ist auch versöhnlich. (skl)
die tageszeitung, 14.12.2009
Die Charts Rainald Goetz und der Satz des Jahres KOLUMNE VON PETER UNFRIED
Charts 2009: Maxim Biller (Der gebrauchte Jude), FC Barcelona (Champions-League-Sieger), Daniel Cohn-Bendit (Europawahlsieger), Larry David (Whatever works, Curb Your Enthusiasm), Edin Dzeko (Weltklassefußball), Michael Haneke (Das weiße Band), Thomas Pynchon (Inherent Vice), Simone Thomalla (Tatort) und Harald Welzer/Claus Leggewie (Das Ende der Welt, wie wir sie kannten) sind ja wohl weltweit gesetzt. Hier sind meine zusätzlichen Favoriten.
Buch: Rainald Goetz - Loslabern. Eine Hitsingle, in der er losfeuert, dass es brodelt und kracht, gegen diesen ganzen Irrsinn des deutschen Feuilletons und den abartigen Opportunismus allenthalben. Aber dabei schon auch schaut, dass er jeden "wichtigen" Literaturredakteur oder Feuilletonmächtigen erwähnt. Aber Goetz und die Zeitungen: eine große Liebe. Daher das Leid. Mal abgesehen von gut gemeintem "Was ist links"-Geschnarche; ein Haufen großartiger Sätze zum Unterstreichen. Z.B.: "Atlantis is calling S.O.S. for Love."
Buch: Joachim Lottmann - Der Geldkomplex. Der Journalist ist bisweilen eine arme, aufgeblasene, selbstgefällige, selbstfixierte Egowurst. Und wenn dann noch Digitalisierung und andere Unannehmlichkeiten passieren: Oh je. Wäre ich Felicitas von Lovenberg, würde ich schreiben: "Lottmann hat in der Krise beschwingt eine Rakete namens Neue Popliteratur ins 21. Jahrhundert geschossen oder so".Und würde KiWi das Buch in einer gerechten Welt bewerben, stünde das dann in der Anzeige. Musik: Bernd Begemann - Ich erkläre diese Krise für beendet. Diese Welt hatte eine Mädchenkrise. Was für eine. Dann kam Begemann und beendete sie. Mit dem Song: "Die neuen Mädchen sind da". Das war noch vor Kristina Köhler. Ein Album für heitere, progressive Erwachsene.
Buch: Stefan Thome - Grenzgang. Debüt mit ausbaufähigem Stil, aber großem Inhalt. Jedenfalls für einen Mitvierziger. Nämlich: Privatistische Mitvierziger in der Provinz müssen mit dem leben, was übrig ist. Er - beruflich und auch sonst gescheitert, sie - gegen eine Jüngere ausgetauscht. Klingt bitterer, als es ist. Wie mein Schwiegervater immer sagt: "Hauptsache, gesund."
Film/DVD: Der Knochenmann. Verfilmung von Wolf Haas zweitem Brenner-Roman. Mit Josef Hader. Was soll man mehr sagen? Vielleicht dies: Neben allem anderen ist das ein Film, der den Lebensstil verändern kann. Wer Bierbichler und Minichmayr Hühner und andere Exlebewesen zerhacken sieht, hält Vegetariertum für etwas Begehrenswertes.
Musik: Tele - Jedes Tier. Deutscher Post-Diskurs-Pop. Sehr, sehr lässig. Fast groovy.
Fußball: VfL Wolfsburg im Frühjahr 2009. Gegen 1899 Hoffenheim 4:0, gegen BVB 3:0, bei Hannover 96 5:0, gegen Werder Bremen 5:1. Zwetschge, Dzeko, Grafite, bumm, bumm, bumm. Wo hat man denn vorher (und nachher) so einen Fußball gesehen? In Wolfsburg jedenfalls nicht.
Buch: Christoph Biermann - Die Fußball-Matrix. Der Verfachlichung der Fußballbranche folgt die maximale Verfachlichung der Fußball-Literatur. Wer sich wirklich für Fußball interessiert, der braucht dieses Buch.
Buch: Joseph von Westphalen - Aus dem Leben eines Lohnschreibers. Der prätentiöse Irrsinn des Medienbetriebs aus der Sicht eines Autors, der auch vom Irrsinn lebt, aber nicht selbst durchdreht. Nicht mal, als der Cicero-Redakteur ihm das Wort "Dichotomie" in eine Glosse reinredigiert. (Brutal!)
Satz des Jahres: "Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen" (Eberhard Plümpe).
Kölner Stadt-Anzeiger, 9.12.2009
Tiefe Verwirrung Von Frank Nägele
Die Vorzeichen standen schlecht: Unausgewogener Kader, fehlendes Selbstvertrauen, nicht vorhandene Spielkultur, Außendarstellung des Trainers. Nichts passte vor dem Endspiel in Turin zusammen. Dann folgte eine hinreißende Leistung. Glückliche junge Männer in Bayern-Trikots versuchen, ihrer Freude Ausdruck zu verleihen. (Bild: dpa) Glückliche junge Männer in Bayern-Trikots versuchen, ihrer Freude Ausdruck zu verleihen. (Bild: dpa)Der Kölner Journalist Christoph Biermann hat in diesem zu Ende gehenden Jahr versucht, den genetischen Code der weltweit populärsten Sportart zu entschlüsseln und Muster für Erfolg und Schönheit des Spiels zu finden. Das Ergebnis („Die Fußball-Matrix“) ist vor allem ein schönes Dokument des Scheiterns. Das Verhältnis des Liebenden zum Fußball ist dasselbe wie jenes zum anderen Geschlecht. Gerade, wenn er glaubt, die Sache auf eine Weise berechnen und steuern zu können, die ihn vor Überraschungen schützt, begegnet er Phänomenen, die ihn in tiefe Verwirrung stürzen. So wie dem Spiel des FC Bayern bei Juventus Turin. Eine tief verunsicherte Gruppe Münchner Profis mit einem nicht wirklich integrierten niederländischen Fußball-Lehrer war mit dem Auftrag abgereist, durch einen Sieg beim zu Hause unschlagbaren italienischen Rekordmeister Juventus Turin den Verbleib in der Champions League zu sichern. Kein Mensch glaubte an das Gelingen des Unternehmens, denn die beiden Siege über die Bundesliga-Durchschnittsteams Hannover und Mönchengladbach konnten kein Indikator gewesen sein für die Behebung der grundlegenden Münchner Probleme: Unausgewogener Kader, fehlendes Selbstvertrauen, nicht vorhandene Spielkultur, Außendarstellung des Trainers. Dann folgte eine hinreißende Leistung. Eines der abgezocktesten Teams Europas wurde mit Entschlossenheit, Witz und Leidenschaft aus dem eigenen Stadion gefegt. Bayern steht im Achtelfinale der Champions League. Deutschland staunt.
Aber schon am Tag danach kam das Problem: Der Auftrag, dieses Ereignis zu erklären. Was war da geschehen? Warum war es geschehen? Wird es sich wiederholen? Antworten sind ohne analytische Hochstapelei nicht möglich. Ja, die Rückkehr des Berserkers Ivica Olic, der alle anderen mit seinem Elan beseelt. Ja, der endlich funktionierende Teamgedanke, das neue Verständnis zwischen Louis van Gaal und dem Team. Oder die Berufung des auf den Außenpositionen früh gealterten Dauer-Nationalspielers Bastian Schweinsteiger ins Spielzentrum, wo er neben Kapitän Mark van Bommel zum kämpfenden Lenker eines zuvor von Zufällen gesteuerten Spiels zu werden scheint.
Das alles könnte sein. Oder auch nicht. Wer im Besitz gesicherter Erkenntnisse ist, möge sich melden. Uns liegen zur Stunde keine vor.
Torwort 3.12.2009
Ich fahre jeden Morgen circa eine Stunde zur Arbeit. Das kann manchmal ganz schön lang werden und da freut man sich, wenn das Radioprogramm gut und die Straße frei ist. Im Radio läuft bei mir überraschend oft 1Live. Ich mag das Programm eigentlich ganz gerne. Besonders gerne höre ich hin, wenn es um Fußball geht – denn der Fußball-Experte des Senders ist Christoph Biermann. Schon mehrfach war Christoph unser Gast bei TORWORT und jedes Mal hat es irre Spaß gemacht mit ihm über Fußball zu sprechen. Ungefähr so viel Spaß macht sein neues Buch mit dem trefflichen Titel „Die Fußball Matrix. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel“. Ein herausragendes Buch über das Spiel selbst, das aufräumt mit Stammtisch-Parolen und Fußball-Halbwissen. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel hat Biermann mit Meistertrainer Felix Magath Fußball und Schach verglichen, ist in die Welt der Fußballdaten eingetaucht und hat das geheimnisvolle Laboratorium des AC Mailand besucht. Mit Lionel Messi hat er über Computerspiele gesprochen und einen Ökonom gefunden, der Fußball berechenbar machen will. In verschiedenen Kapiteln bringt uns Biermann einmal mehr den Fußball näher und wir ertappen uns dabei, dass wir bisher mehr eine Meinung hatten als dass wir tatsächlich etwas wussten. Und das obwohl wir fast täglich ein Spiel sehen. Die Fußball-Matrix ist ein sehr bemerkenswertes Fußballbuch – vor allem weil es fundiert ist und kein Wissen vorgaukelt. Die Fußball Matrix ist Fußballwissen – eben weil es von Christoph Biermann ist. Ich habe es gerne gelesen und freue mich jetzt noch ein bisschen mehr – morgens im Auto, wenn der bevorstehende Bundesliga-Spieltag analysiert wird auf 1Live.
ARD Morgenmagazin, 9.12.2009
Mittelbayrische Zeitung, 25.10.2008
Die Suche nach dem perfekten Spiel Sportjournalist Christoph Biermann klärt in seinem Buch „Die Fußball-Ma-trix“ über die digitale Revolution im Fußball auf. Regensburg. Von Fred Filkorn, MZ
Aus dem Regen geht es hinab in das gemütlich beleuchtete Kellergewölbe der Alten Filmbühne. Bevor sich der verschnupfte Christoph Biermann aufs Podium setzt, laufen die Schwarz-Weiß-Bilder des Europapokal-Finales der Landesmeister von 1960. Vor 127000 Zuschauern im ausverkauften Glasgower Hampden Park- Stadion besiegen die als unschlagbar geltenden Spieler von Real Madrid Eintracht Frankfurt mit 7:3. Schon damals meinten die Zuschauer: Besser kann man nicht spielen. Aber die Perfektionierung des Fußballspiels schritt unaufhaltsam voran. Biermann, der als einer der renommiertesten deutschen Sportjournalisten gilt und für Spiegel, Süddeutsche Zeitung und das Magazin 11 Freunde schreibt, nennt weitere richtungsweisende Spiele der Fußball-Historie, die neue Maßstäbe setzten, aber nach geraumer Zeit doch von einer anderen Partie in den Schatten gestellt wurden.
Zweifellos, Biermann kennt sich aus. Eingeladen wurde er von Thomas Muggenthaler, der als Mitveranstalter der 11. Regensburger Alternativen (Fußball-) Meisterschaft, die im Juli ausgespielt wurde, ein kulturelles Begleitprogramm zusammengestellt hatte, das nun mit der Biermann-Lesung seine Fortsetzung fand. Der 49-jährige Kölner stellt zurzeit sein neues Buch „Die Fußball-Matrix“ deutschlandweit vor. Er hat sich im Verlauf seiner Recherchen mit zahlreichen Spielern, Trainern, Spielanalytikern und weiteren Fachleuten im In- und Ausland getroffen, um aufzuzeigen, wie die Digitalisierung den Fußball verändert hat und in Zukunft vielleicht noch verändern wird.
Um das Spiel zu perfektionieren – sprich: die Wahrscheinlichkeit eines Sieges zu erhöhen – greifen die Vereine in zunehmendem Maße auf computergestützte Hilfsmittel zurück, berichtet Biermann: Spielanalysesysteme wie Tracking verfolgen den Standort jedes einzelnen Spielers über eine ganze Partie hinweg. Das Spielverhalten wird anschließend akribisch analysiert, um mögliche Defizite zu erkennen. Irrsinnig, welche Parameter dabei eine Rolle spielen sollen: Wie lange braucht ein Stürmer, um sich von einem Sprint bis zum nächsten zu erholen? Wie viele Kilometer legt er in der verteidigenden Rückwärtsbewegung zurück? Nichts wird mehr dem Zufall überlassen, die digitale Wende in der Spielanalyse führt zu einer Verwissenschaftlichung des Volkssports Fußball, die von vielen Fans auch kritisch gesehen wird. Gerade die Unwägbarkeit des Spiels macht für sie den besonderen Reiz aus. Ein Fußballzwerg kann ja theoretisch jederzeit gegen eine millionenschwere Spitzenmannschaft gewinnen.
Gerade aber die kleineren Clubs, die sich die teuren Spieler nicht leisten können, versuchen mit wissensbasierten Strategien (also der Auswertung von Zahlen) und der daraus resultierenden innovativen Spielweise, einen Vorsprung herauszuarbeiten. Ob man nun mit der einen oder der anderen Taktik zum Sieg kommt, meint Biermann, ist aber gar nicht einmal so entscheidend: „Letzten Endes ist es wichtig, eine Idee vom eigenen Spiel zu entwickeln, die überzeugt und zum jeweiligen Team passt“.
BR 2, Zündfunk, 13.10.2009
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